Quietly Sea of Secrets

Quietly Sea of Secrets, der Titel spricht für sich, denke ich. Das ist meine erste richtige und mehr oder weniger lange Geschichte, bei der ich hoffentlich bald mal weiterschreiben werde.

 

Alica führe bis jetzt ein ganz normales Leben. Schule, erste große Liebe, und so weiter. Okay, nicht ganz normal, wer wächst schon bei seiner Tante auf, von Mutter und Vater keine Spur? Und sie weiß ja eigentlich auch, dass irgendwas nicht ganz normal ist, ihre Tante war in so einigen Sachen sehr geheimnisvoll. In den Sommerferien fährt sie dann mit ihrer Tante nach Oregon. Dort kommen alle von Alicas Verwandten her - mehr oder weniger. Denn dort entdeckt Alica ein lang gehütetes Geheimnis und jetzt fängt es an, gefährlich zu werden. 

Prolog

Juli 1995, Küste auf der Höhe von Salem, Oregon

 

 Die beiden jungen Frauen standen dicht beisammen am weißen Sandstrand. Sie waren die Einzigen, die in dieser wunderschönen Abenddämmerung zugegen waren. Beide trugen leichte, im Wind wehende Sommerkleider, die Jüngere der Beiden ein weißes und die Ältere ein rotes. Es war unverkennbar, dass sie Schwestern waren. Beide hatten sie lange blonde Haare, die ihnen über die Rücken fielen und ein fein geschnittenes Gesicht mit meerblauen Augen, jedoch war die Jüngere ein wenig kleiner und schmaler als ihre Schwester. Die Ältere hatte einen sehr großen, vollbepackten Rucksack auf ihren Schultern und die Jüngere wog ein kleines Bündel in ihren Armen. Nun fing sie an zu sprechen.

 „Willst du das wirklich tun?“, frage sie ihre größere Schwester eindringlich, obwohl sie die Antwort schon seit einer Weile kannte. „Du weiß, was passiert, wenn sie euch zu früh finden.“

 „Natürlich weiß ich das“, antwortete die Andere, ruhig, aber bestimmt. „Aber wenn du ihnen erzählst, was wir besprochen haben, werden sie meinen, ich sei wegen des drohenden Krieges geflohen. Weil ich zu viel Angst habe. Und nur du weißt, dass das nicht stimmt und ich wegen dir von hier weg gehe.“

 Die Jüngere atmete tief ein. „Ich weiß. Du tust das alles nur wegen mir. Du wirst einiges verlieren. Und das ist alles meine Schule. Ich…“

 „Ich habe dich richtige Entscheidung getroffen, Malissa. Genau wie du damals“, unterbrach ihre ältere Schwester sie. „Mach dir keine Sorgen um mich. Wir haben das schon so oft besprochen. Ich werde mich nicht mehr umentscheiden, das weißt du.“

 „Ja, schon aber… gut, es ist entschieden“, unterbrach sie sich selbst. Beide nickten synchron, wie sie es so oft taten. Die, die Malissa genannt wurde, sah zu ihrer Schwester auf und blickte ihr fest in die Augen. Die Ältere erwiderte diesen Blick. „Pass auf dich und auf sie auf, Sirena. Bereite meiner Kleinen ein wunderschönes Leben, bis ich dich rufe. Und bereite auch dir ein schönes Leben. Ich möchte nicht, dass du nur wegen mir leiden musst.“

 Sirena lächelte bitter. „Das werde ich, Schwester. Sie wird es bei mir guthaben. Wir beide werden es gut haben. Dafür haben wir doch schon gesorgt.“

 „Danke“, sagte Malissa und wischte sich Tränen aus den Augen. „Danke, dass du immer für mich da warst. Danke, dass du dich um Alica kümmerst. Danke für alles!“ Sie seufzte tief. „Ich würde euch am liebsten gar nicht weggehen lassen, oder, noch lieber, mit euch kommen. Ich will nicht mehr hier leben, bei dem, was jetzt hier geschehen wird. Aber…“

 „Ja, Mal, ich weiß, was du meinst. Aber du weißt auch, was das Beste ist und was notwendig ist, so Leid es uns allen auch tut. Hm… eigentlich müssten wir gar nichts mehr bereden und uns nur noch verabschieden, so viel, wie wir heute schon geredet haben, aber uns fällt immer noch etwas ein.“

 „Da hast du wohl – wie eigentlich immer – Recht, Sira.“

 Sirena blickte zum Horizont, wo die Sonne mit ihren letzten Strahlen die Wolken beleuchtete. Die beiden jungen Frauen standen nun schon fast im Dunkeln. „Oh nein! Es ist schon so spät! Du musst nun zurückkehren und ich aufbrechen.“

 Nun liefen die Tränen in Strömen über die Wangen der so ähnlichen Schwestern. Malissa gab dem kleinen Bündel einen Kuss, drückte es noch ein letztes Mal fest und gab es Sirene.

 „Lebwohl, meine großartige Schwester. Beschütze dein Leben und das meines Kindes wie kein anders. Du weißt um eure Bedeutung. Und kehr zurück, wenn ich nach dir rufe.“

 „Das werde ich. Lebwohl, meine kleine, wunderbare Schwester. Auf ein baldiges aber nicht zu frühes Wiedersehen. Ich liebe dich und ich werde immer an dich denken.“

 Die beiden umarmten sich lange und fest, wobei sie auf das kleine Bündel zwischen sich acht gaben. Dabei berührten sich die goldenen Amulette, die mit einer Perle versehen waren und  an den Ketten hingen, die beide trugen.

 „Für mich gilt das Gleiche und das weißt du“, erwiderte Malissa leise.

 Sie trennten sich, sahen einander in die tränenden Augen und sprachen wortlos alles aus, was je zwischen ihnen gestanden hatte. Sirena und Malissa wussten nicht, wann oder ob sie sich je wieder sehen würden.

 Dann drehte sich Malissa mit einem letzten Blick auf Sirena und das Bündel um und ging hinein in die wogenden Fluten. Als sie bis zu den Knien im Wasser stand, stürzte sie nach vorne und verschwand in den Wellen. Zurück am Strand blieben ihre Schwester mit dem in eine Decke gehüllten Bündel in den Armen und dem großen Reiserucksack auf den Schultern. Sirena blickte noch einige Minuten schweigend und reglos auf die Wellen, als sich das Bündel regte.

 „Alles wird gut, Alica. Du wirst diesen Ort und deine Mutter wieder sehen. Es wird zwar noch ein wenig dauern, aber die Zeit wird kommen“, flüsterte sie leise dem kleinen blonden Haarschopf zu, der aus der geblümten Decke lugte. Nun warf sie einen langen, letzten Blick auf das Meer, das sie, wie sie wusste, lange nicht mehr sehen würde und drehte sich um. Mit einem tiefen Atemzug schritt sie  auf die Ansammlung von Häusern zu, die sie nur einige Male betreten hatte und von der aus sie zu einer größeren Reise aufbrechen würde. Zu der größten Reise, die sie je gereist war und von der sie nicht wusste, wie sie ausgehen würde.

 Sirenas letzter Gedanke, bevor die die Häuser erreichte, war, dass sie nach diesem Tag einen langen, tränenreichen Tagebucheintrag würde schreiben müssen. 

 

 

 

Ein Jahr später, San Diego, Kalifornien

 

 Die Umzugskartons standen schon alle im Flur. Das kleine Mädchen lief mit kleinen und noch nicht sehr sicheren Schritten durch die Zimmer im Erdgeschoss. Manchmal blieb sie stehen und sah sich manche Dinge genauer an: der Gartentisch, der in der flimmernden Luft auf der Terrasse stand; die Tischlampe mit ihrem geblümten seidenen Schirm, die auf einem der Kartons stand oder die Frau, die gedankenverloren in der prallen Sonne stand und nichts um sich herum bemerkte. Dann ging die Kleine zu der winzigen, grau, schwarz und weiß gescheckten Katze, die seit fast zwei Monaten bei ihnen wohnte und nun auch mit umziehen würde und streichelte sie vorsichtig. Das Mädchen hatte wirklich ein Händchen für Tiere.

 Die Frau seufzte tief, drehte sich um und schritt ein letztes Mal durch die Terrassentür in die  große, modern ausgestattete Küche. Als sie das Mädchen und die Katze bemerkte, lächelte sie liebevoll.

 „Komm, Alica“, sagte sie zu ihr und streckte die Hand nach dem Kind aus. „Lass uns Milky in seinen Transportkorb bringen. Die Umzugsleute kommen gleich. Und dann fahren wir.“ Dann hob sie den kleinen Kater, Milky, mit einem Arm hoch und nahm das Mädchen an die andere Hand.

 Als der Umzugswagen kam, war die Katze versorgt, einige Taschen und Koffer im Auto der  jungen Frau verstaut und Alica angezogen.

 „Guten Morgen, Mrs Dorson“, begrüßte einer der Umzugsleute die Frau. Er deutete auf die Kartons im Flur. „Müssen nur diese Kartons in den Wagen oder noch etwas anderes?“

 „Diese Kartons, das Bett oben im Schlafzimmer, vier Schränke und zwei Tische konnte ich nicht selbst zerlegen“, antwortete sie. Sirena lächelte. „Das war’s.“

 „Dann machen wir uns mal an die Arbeit.“

 

 Zwei Stunden später waren alle Kartons und Möbel im großen Umzugswagen verstaut und der Wagen war schon auf dem Weg zu seinem neuen Ziel. So schnell ging es, das Leben, das die beiden ein ganzes Jahr gelebt hatten, zu zerlegen und wegzuräumen, dachte Sirena wehmütig. Dann ging mit Alica zu ihrem roten Audi um sie in ihren Kindersitz zu setzen. Neben dem Kindersitz war Milky in seinem Transportkorb angeschnallt. Der Kater schien nicht sehr begeistert davon zu sein, nun für vier Stunden in dem kleinen Korb im Auto sitzen zu müssen, denn er miaute laut und vorwurfsvoll.

 „Ich will hier bleiben“, sagte Alica zu Sirena. „Will nicht weg!“

 „Das weiß ich doch, meine Kleine. Aber ich hab deiner Mama versprochen auf dich aufzupassen und dich zu beschützen. Wenn du älter bist, werde ich dir alles erzählen ohne dir auch nur irgendetwas zu verheimlichen.“ Sie blickte das kleine Mädchen traurig an. „Aber jetzt würdest du es noch nicht verstehen. Du musst dich noch etwas gedulden.“ Sirena sah noch einmal zum Haus zurück. „Ich möchte auch nicht von hier weg. Mir gefällt es hier sehr gut, auch wenn so ganz anders ist als meine Heimat. Die übrigens eigentlich auch deine Heimat ist. Aber ich habe Malissa – deiner Mutter – versprochen, nach einem Jahr, noch mal sechs Jahre später und ein letztes Mal fünf Jahre darauf mit dir umzuziehen. Denn sonst kommen sie und holen uns.“

 „Wer kommt?“, fragte die Kleine neugierig. Mit ihren klugen, großen Augen blickte sie zu ihrer Tante auf.

 Sirena biss sich auf die Unterlippe und verfluchte sich innerlich. Wieso konnte sie nicht einmal leise sein? Das war ihr schon früher zum Verhängnis geworden! „Leute, die du nie kennen lernen willst, Alica. Aber mehr kann ich dir nicht sagen. Noch nicht.“ Sie ließ den Gurt des Sitzes einrasten. „Jetzt fahren wir erst mal nach Arizona.“ Die junge Frau stand auf und setzte sich in den kühlen Ledersitz des Autos. Nun würde sie sich immer weiter von ihrer geliebten Heimat entfernen, aber so musste es sein.

 

҉

 

10. September 2002, Phoenix, Arizona

 

 Im Radio und im Fernsehen brachten sie schon tagelang die Zusammenfassungen, Augenzeugenberichte, Gedenkreden und –feiern zum Jahrestag des 11.Septembers.2001.

 „Langsam geht mir das auf den Keks“, murmelte Sirena, als sie – nicht zum ersten Mal in ihrem Leben – ihr Leben in Kartons, Taschen und Koffer packte. „Die Gedenkfeiern und das alles kann ich ja verstehen, aber doch nichts drei volle Tage lang! Jetzt hat auch schon der letzte Idiot auf dieser Welt kapiert, was da geschehen ist!“

 „Hast du was gesagt?“, fragte ihre Nachbarin, Magrete. Sie war schon im Ruhestand und  hörte nicht mehr so gut. Sie hatte sich in den letzten sechs Jahren gut mit Sirena und Alica angefreundet und hatte sich gerne bereiterklärt, beim Umzug zu helfen. Magrete bewohnte das hübsche Reihenhaus neben Sirena.

 „Ach, nichts“, antwortete Sirena. Sie hatte keine Lust, mit Magrete eine lange Diskussion über die Medien zu führen, denn das konnte wirklich lange dauern. „Bist du mit dem Geschirr schon fertig?“, fragte sie deshalb.

 „Das hier ist die letzte Kaffeekanne“, antwortete die alte Frau. Mit einem Seufzen richtete sie sich auf. „Wenn ihr ein paar Jahre später eingezogen wärt, könnte ich dir vielleicht nicht mehr helfen. Meine alten Knochen machen das nicht mehr lange mit. Irgendwann muss ich noch in den Rollstuhl oder in ein Altersheim oder – noch schlimmer – beides.“

 Sirena grinste. „Das weiß ich doch. Aber du wolltest mir ja unbedingt helfen.“

 Magrete schnaubte. „Ich weiß. Manchmal wundere ich mich schon selbst darüber, was ich sage.“

 Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber in diesem Moment kam ein Mädchen durch die Küchentür. Sie war etwas mehr als sieben Jahre alt. Ihre leicht gewellten, blonden Haare fielen ihr offen über den Rücken. Die großen, dunkelblauen Augen waren von langen, dichten Wimpern eingerahmt. Wenn sie älter wird, wird sie eine Schönheit sein, dachte Sirena. Wie ihre Mutter und – sie wollte nicht angeben, es war einfach so – sie selbst. Sirena hatte die gleichen Haare wie das Mädchen, aber ihre Augen waren hellblau, nicht dunkel. Beide hatten leicht gebräunte Haut und einen schlanken Körperbau, auch wenn Sirena 27 war und ihre Nichte 20 Jahre jünger.

 „Sirena“, sagte die Kleine vorwurfsvoll zu der jungen Frau. „Du hast gesagt, du hilfst mir mit meinen Klamotten.“

 Die Angesprochene lächelte. Alica wirkte so viel älter, wenn sie jemanden so ansah. „Ich weiß, Alica. Und ich hab dir auch gesagt, dass ich erst hier in der Küche einpacke. Ich komm gleich zu dir.“

 Alica nickte, aber sie hatte ein wenig trotzig die Unterlippe vorgeschoben. Es gefiel ihr nicht, nicht Recht zu haben. Dann drehte sie sich schwungvoll um und schritt erhaben – anders konnte man es einfach nicht beschreiben – aus dem Raum.

 Magrete grinste Sirena an. „Die Kleine hat ziemlich Temperament.“ Sie hielt kurz inne. „Wie du.“

 Sirena lächelte wieder. „Da hast du so Recht. Es ist jetzt schon schwierig, sie ins Bett oder zu irgendetwas anderem zu bekommen, wenn sie nicht will.“ Sie schüttelte resigniert den Kopf. „Wie wird das nur werden, wenn sie älter wird?“

„Das kann ich dir nicht sagen“, meinte Magrete. „Aber jetzt weiter im Text. Was soll ich noch einpacken?“

 Sirena ging kurz im Kopf durch, was noch gemacht werden musste. Wenn wir noch öfter umziehen müssen, krieg ich die Krise, dachte sie.

 „Also, es ist fast alles erledigt. Ich geh zu Alica und helfe ihr, und du kannst im Bad die Regale in die Kartons lehren, die ich schon reingestellt hab.“

 „Okay. Dann mach ich mich mal an die Arbeit“, sagte die Frau und ging aus dem Zimmer.

  Die beiden Frauen und Alica räumten noch stundenlang Schränke und Regal und Zimmer aus und Kartons und Koffer und Taschen ein. Dann verabschiedete sich Magrete von den beiden.

 „Passt auf euch auf“, sagte sie, als sie Sirena umarmte. „Und du auch, Kleine, ja?“, sagte sie zu Alica, als sie diese an sich drückte.

 „Aber klar doch!“, erwiderte das Mädchen.

 Magrete lächelte. „Dann is gut.“

Als die Frau in ihrem Haus verschwunden war, gingen Sirena und Alica ins Bett. Am nächsten Morgen würden die Umzugsleute die Möbel und Kartons nach Oklahoma bringen.

 „Alica?“, fragte Sirena noch kurz vor dem Bett gehen. „Hast du deine Tasche für den Flug schon gepackt? Nicht, das dir noch langweilig wird.“

 „Ja, hab ich“, antwortete das Mädchen.

 „Okay, das ist gut. Morgen früh haben wir nicht sehr viel Zeit, um halb zwölf geht der Flieger.  Und schließlich müssen wir schon früher losfahren und davor brauchen wir auch noch Zeit. Außerdem kommen um sieben die Umzugsleute“ Sirena dachte nach. „Hoffentlich hab ich nichts vergessen.“

 „Ich glaub, du hast an alles gedacht“, meinte Alica aufmunternd.

 Sirena blickte ihre Nichte erstaunt an. „Wie kommst du denn darauf?“ Manchmal war das Mädchen ziemlich verwunderlich.

 „Du denkst immer an alles“, erkläre sie grinsend.

 Sirena lachte. „Na, wenn du das meinst muss es ja stimmen!“

 

 Der nächste Tag war strahlend schön. In Arizona natürlich nichts ungewöhnliches, aber dieses Wetter passte einfach nicht zur allgemeinen Stimmung. Der Himmel war wolkenlos und es war sehr warm. Um sieben Uhr kamen der Umzugswagen und verstaute unzählige Kartons und Kisten in seinem Bauch. Sirena belud ihr Auto mit ein paar Taschen und Koffern, die sie im Flugzeug mitnehmen würden.

 „Ich glaube, wir müssen im Urlaub mal wieder hierher zurückkommen. Was meinst du?“, sagte Sirena zu Alica.

 „Ja!“, rief diese begeistert aus. „Das müssen wir.“

 Jetzt hat sie all ihre Freunde verloren, dachte Sirena bedrückt. Und in ein paar Jahren wird das wieder geschehen. Es tut mir so leid, ihr das anzutun, aber ich kann es nicht ändern, schließlich habe ich es meiner Schwester versprochen und es ist wirklich wichtig. Sie schüttelte den Kopf. Jetzt reiß dich aber zusammen, wies sie sich zurecht. Das kannst du jetzt nicht gebrauchen. Schließlich musst du Kartons einräumen, dich um ein kleines Kind kümmern und die Umzugshelfer anweisen.

 Als alles verstaut war, winkten sie noch einmal Magrete die gerade aus ihrem Haus herauskam. Dann stiegen sie in Sirenas neuen, silbernen BMW und verabschiedeten sich in aller Stille noch mal von ihrem Zuhause. Alica saß auf der Rückbank neben Milky, der jetzt seinen zweiten Umzug erlebte. Seit dem letzten Mal war er viel größer und auch ein wenig dicker geworden, sodass er jetzt einen neuen Transportkorb brauchte. Sirena hatte ihn schon am Abend, als Alica gerade ins Bett gegangen war, in ein Zimmer gesperrt, da er sonst abgehauen wäre. Aus diesem Grund war er jetzt beleidigt und sah nicht in Sirenas Richtung.

 Na ja, ist ja nicht das erste Mal, dass er auf mich sauer ist, dachte Sirena schmunzelnd und fuhr los, die Straßen entlang durch Phoenix’ Vororte zum belebten Flughafen.

 

҉

 

21. August 2007, Oklahoma City, Oklahoma

 

 Die beiden ungleichen Mädchen umarmten sich fest. Die eine war eine klassische Schönheit: lange, goldblonde Haare, dunkelblaue Augen, schlank gebaut, groß und gebräunte Haut. Die andere war ihr überhaupt nicht ähnlich: schulterlange, dunkelbraune Haare, grüne Augen, kurvige Hüften und von eher kleiner Statur. Beide waren etwa zwölf Jahre alt.

 Sie standen in der langen Einfahrt eines hübschen, weißen Hauses, das nach Besitzern aussah, die gerne etwas mehr ausgaben. Neben den Beiden standen ein großer Umzugswagen, von dem Leute zum Haus und wieder zurück liefen und ein silberner, etwas älterer BMW mit offenen Türen. In diesen BMW räumte gerade eine schöne Frau einen großen Koffer. Man sah auf den ersten Blick, dass die Frau mit dem blonden Mädchen verwandt war. Die gleichen gewellten, blonden Haare, die gleiche Statur.

 „Oh, Alica. Ich werde dich so schrecklich vermissen!“, sagte die Brünette.

 „Ich dich auch, Liz“, antwortete Alica, das blonde Mädchen. „Aber wir schreiben uns ganz sicher. So oft es geht! Ich hoffe, ich bekomme bald einen Computer, dann können wir uns noch öfter Mails schreiben. Und in Ferien können wir uns besuchen. Wenigstens zieh´ ich nicht ans andere Ende Amerikas sondern nur“ – Alica malte Anführungszeichen in die Luft – „600 Kilometer weit weg.“ Die Mädchen sahen sich an. Sie waren beste Freundinnen und wussten nicht, ob sie es bei dieser Entfernung lange bleiben würden.

 „Aber es ist trotzdem so weit weg!“, beharrte Liz. „Und das weißt du.“

 „Ja“, seufzte die Andere. „Leider! Warum musste Sirena für den Job genommen werden? Wieso konnten die keinen anderen Architekten für dieses Projekt finden?“

 „Das kann ich dir ganz genau sagen, Alica“, sagte Sirena. Die junge Frau war unbemerkt hinter ihre Nichte getreten. Jetzt legte sie ihr eine Hand auf die Schulter. „Der Manager steht eben auf hübsche Mitarbeiter.“

 Die Mädchen lachten. „Das kann ich mir denken“, sagte Liz. „Sie hätten genauso gut Model werden können, Mrs Dorson.“

 „Tja, aber runterhungern wollte ich mich auch nicht, Liz. Ich bin stolz auf meinen Hüftspeck“, erwiderte Sirena. Sie zuckte mit den Schultern. „Mein Auftraggeber hat gesagt, ich sei die Beste für diesen Job. Und daran kann ich nun mal nichts ändern.“ Dann wandte sie sich an Alica. „Schatz, hast du alles eingepackt? Wir fahren in einer Stunde los.“

 Es war zehn Uhr morgens und ein schöner Tag, da die Sonne freundlich von Himmel schien. Sirena sah nach oben und bemerkte, das am Horizont große, dunkle Wolken aufzogen. „Ich hoffe nicht, dass es zu regnen anfängt, wenn wir unterwegs sind. Das könnte ungemütlich werden.“

 „Jaa“, antwortete Alica genervt auf Sirenas Frage, ohne einen Gedanken an das Wetter zu verschwenden. „Schon längst.“

 „Okay. Ich mach dann mal weiter“, sagte ihre Tante, ohne auf Alicas Tonfall zu reagieren. „Ihr könntet übrigens auch mithelfen.“

 Ihren Job als meine Erziehungsberechtigte macht sie ziemlich gewissenhaft, dachte Alica. Manchmal zu gewissenhaft.

 „Willst du mithelfen?“, fragte Alica Liz.

 Das Mädchen wollte gerade antworten, als ein Auto vor der Einfahrt hielt. Ein Mann Anfang vierzig sah aus dem Fenster.

 „Hallo, Alica. Guten Morgen, Mrs Dorson“, grüßte er. „Elizabeth, hast du dich verabschiedet? Wir müssen jetzt fahren. Das Flugzeug wartet nicht auf uns.“

 Liz seufze. „Warum müssen wir ausgerechnet heute in den Urlaub fahren?“ Sie wandte sich Alica zu. „Wir telefonieren, ja? Ich ruf dich sofort an, wenn wir wieder da sind!“

 Alica lächelte. Liz war wirklich eine wunderbare Freundin. „Klar“ Die beiden umarmten sich noch einmal fest. „Bis bald“, rief Liz und stieg zu ihren Eltern ins Auto. Als sie losfuhren, winkten die beiden Mädchen, bis das Auto in die nächste Straße abbog.

 Ich will nicht wegziehen, dachte Alica. Ich will nicht, das Sirena mich mit Lügen abspeist. Ich weiß, dass sie mir einiges verschweigt. Aber ich bekomm es nicht aus ihr heraus. Wieso will sie es mir nicht erzählen?

 „Komm“, sagte hinter ihr eine sanfte Stimme. „Hilfst du mir noch ein bisschen? Bitte.“

 Sirena wusste, das Alica immer noch wütend auf sie war und immer noch nicht damit zu Recht kam, dass sie umzogen, deshalb wollte sie sie nicht noch mehr gegen sich aufbringen.

 „Na gut“, gab Alica nach. „Was soll ich denn noch machen?“

 Sirena deutete zum Haus. „Komm mit. Im Wohnzimmer liegen die ganzen Teppiche. Du kannst mir helfen, sie schön zusammenzulegen.“ Dann fiel ihr noch etwas ein. „Oh, und du kannst unseren alten Kater aus seinem Versteck unter dem Wohnzimmerregal holen. Mich faucht er nur noch an.“

 Alica lachte. „Klar. Das mach ich.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich glaube, ich kann ihn verstehen. Dein Versuch, ihn in die Transportkiste zu stecken, war nicht sehr angenehm für ihn. Milky ist schließlich schon elf Jahre alt. Seine Knochen sind nicht mehr die Besten.“

 

 Das Auto fuhr aus der Einfahrt des Hauses. Alica sah aus dem Fenster und hoffte, das Sirena nicht bemerkte, das sie weinte.

 Sirena bemerkte es, doch sie hütete sich, etwas zu sagen. Außerdem war sie zu sehr mit dem Verkehr und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Sie rang immer noch mit sich. Einerseits wollte sie Alica sofort alles erzählen, andererseits wollte sie das Mädchen schützen.

 Ich weiß nicht, was ich machen soll, dachte sie. Sie seufzte lautlos. Ich werde noch ein bisschen warten, aber ich werde ihr alles erzählen.

 Da blieb nur noch die Frage, wie lange ein bisschen ist. 

 

1. Kapitel

1. Juni 2011, Little Rock, Arkansas

 

 Die Luft in den Klassenzimmern war drückend und schwül. Alle Fenster waren geöffnet, doch das brachte gar nichts. Und auch die Jalousien brachten die gleiche Wirkung.

 Die Geschichtslehrerin der 10. Klasse erzählte etwas davon, was die Schüler in der 11. alles durchnehmen würden, aber niemand hörte ihr zu. Alle waren damit beschäftigt, was sie in den Ferien unternehmen würden, oder was man den Freunden, die man einige Zeit nicht mehr sehen würde, noch sagen musste.

 Alica sah zum bestimmt fünfundzwanzigsten Mal in den letzten zehn Minuten auf ihre silberne Armbanduhr. Der silberne Zeiger auf dem violetten Hintergrund zeigte an, dass sie noch fünf Minuten in diesem Raum aushalten musste. Sie sah sich zum Tisch hinter ihr um. Dort saß ihre beste Freundin Susan, die mit ihrem Kugelschreiber Blumen und Herzchen auf ihren bunten Collegeblock zeichnete. Susan hatte schulterlange, mittelbraune Haare und helle Haut. Gedankenverloren strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Als sie merkte, das Alica sie ansah, blickte sie auf.

 „Noch fünf Minuten“, flüsterte Alica. „Weißt du, was Eric jetzt für ein Fach hat?“

 Eric war seit vier Monaten Alicas Freund, er war ein Jahr älter als sie und ging in die 12. Klasse. Beide waren sich sicher, dass sie noch lange zusammen blieben. Und Eric war  Susans Cousin, was niemandem auch nur im Geringsten störte.

 Susan zuckte mit den Schultern.  „Weiß nicht. Ich glaub, Englisch im Klassenzimmer unter uns.“ Sie grinste. „Hältst du es auch nicht mehr hier drinnen aus? Ich will endlich aus haben!“, seufzte sie.

 Alica grinste zurück, doch bevor sie etwas erwidern konnte, ertönte die vorwurfsvolle Stimme von Mrs. Kingsley. „Wenn die Damen mich ausnahmsweise mit ihrer Aufmerksamkeit beehren könnten?“ Dann sah sie zur anderen Seite des Klassenzimmers. „Und bitte auch die Jungs da hinten. Es geht schließlich um eure Ausbildung, da solltet ihr wirklich zuhören.“

 Die Angesprochenen murmelten etwas Entschuldigendes und Mrs. Kingsley wandte sich wieder ihrem Vortrat zu. Alica drehte sich wieder zu Susan um und schnitt eine Grimasse, die auf die Lehrerin bezogen war. Ihre Freundin verstand und grinste wieder.

 Die Mädchen wandten sich wieder ihren Gedanken zu, oder, in Susans Fall, den Herzchen und Blumen auf ihrem Block. Sie war gerade schwer verliebt und das merkte man an ihren Kritzeleien ziemlich deutlich. Sie hoffte, in den Ferien ihrem Schwarm ein wenig näher zu kommen.

 Alica sah aus dem Fenster. 33 Grad heiß sollte es werden. Wahrscheinlich war diese Temperatur schon erreicht, sie wusste es nicht. Sie wollte gerade etwas zu Susan sagen, als es klingelte. Sofort sprangen alle Schüler auf, warfen sich ihre Taschen und Rucksäcke um und stürmten zur Tür. Mrs. Kingsley wollte noch etwas sagen, aber das ging im Rufen und Lärmen unter.

 „Endlich Ferien“, sagte Alica zu Susan, als die beiden den Gang entlang gingen. „Ich freue mich schon so sehr darauf, mit Sirena nach Oregon zu fahren! Schließlich kommt meine ganze Verwandtschaft von dort.“

  „Na, vielleicht erfährst du dann auch mal was von denen“, meinte Susan trocken.  

 Und sie hatte vollkommen Recht. Alica wusste fast nichts von ihrer Familie. Sirena hatte ihr nie viel darüber erzählt. Sie wusste, dass ihre ganze Familie an der Küste in Oregon wohnte. Ihre Eltern lebten beide, aber sie konnten nicht bei Alica sein. Doch sie wusste nicht, warum das so war und weshalb Sirena von dort fliehen musste. Wenigstens hatte sie nicht Alica entführt – was Sirena niemals getan hätte, da war sich Alica sicher –, sondern ihre Mutter, Malissa, wusste von all dem. Und anscheinend suchte jemand nach ihnen, was auch der Grund war, weshalb Sirena und Alica ein paar Mal umziehen mussten.

   Sirena hatte das nur einmal zu Alica gesagt und damals war sie gerade mal ein Jahr alt gewesen. Sie wusste nicht weshalb, aber sie konnte sich noch genau daran erinnern. Damals waren sie das erste Mal umgezogen, von San Diego nach Phoenix. Doch viel hatte ihre Tante ihr auch damals nicht erzählt. Leider. Und seitdem hatte sie nicht mehr herausfinden können. So musste sie sich wohl noch zwei Tage gedulden, bis sie nach Portland flogen und von dort aus zur Küste fuhren. In einer kleinen Stadt am Meer würden sie sich dann ein Ferienhaus mieten und dort einige Tage oder Wochen bleiben, so genau hatten sie das nicht ausgemacht.

   Das Einzige, was Alica von ihrer Mutter besaß, war eine wunderschöne Muschel, die an einem hellbraunen Lederband hing. Die Muschel war hellblau und glänzte ein wenig. Alica trug sie sehr oft.

 „Huhu? Erde an Alica!“, sagte Susan und riss Alica aus ihren Gedanken.

 „Was?“, fragte diese verwirrt. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, dass sie schon vor dem Schulgebäude standen.

 „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich würde mich ganz gerne verabschieden und dann nach Hause fahren“, meinte Susan. „Ich hab nämlich Hunger.“

 „Ja, ich auch“, antwortete Alica. Die beiden Freundinnen umarmten sich fest. „Wir telefonieren morgen noch mal, oder?“

 „Natürlich! Und wenn du angekommen bist musst du mich sofort anrufen. Ich will alles wissen. Du musst mir unbedingt von deinen Verwandten erzählen! Und von der Westküste!“, sagte sie mit einem urkomischen, ernsten Gesichtsausdruck.

 Alica lachte. „Schon klar. Sei nicht immer so neugierig.“ Die beiden verabschiedeten sich und wie aufs Stichwort kam Eric aus der Tür und steuerte auf seine Freundin zu. Er sieht so gut aus, dachte Alica wie schon so oft, als sie ihn ansah. Er hatte weiche, hellbraune Haare, die ihm manchmal ins Gesicht hingen und blaugrüne Augen.

 „Hi“, sagte Eric und gab ihr einen langen, sanften Kuss.

 „Hallo“, antwortete Alica ein wenig außer Atem, nahm seine Hand und die beiden gingen auf den Parkplatz zu. Dort wartete schon Erics violetter Golf auf sie. Eric wollte schon auf die Fahrertür zugehen, aber Alica hielt ihn zurück.

 „Darf ich fahren? Bitte“, fragte sie und sah ihn mit einem flehenden Blick an.  Er sah seine Freundin an und tat so, als müsse er angestrengt nachdenken.

 „Ach, ich weiß nicht“, meinte er gedehnt. „Es ist schließlich kein allzu neues Auto mehr, da muss man schon vorsichtig fahren und du hast erst -“

 „Vor zwei Wochen den Führerschein bekommen, ich weiß“, beendete Alica den Satz leicht amüsiert. „Aber du lässt mich eh fahren, also spar dir deine Reden.“ Sie schnappte sich den Schlüssel aus seiner Hand, schubste Eric sanft zur Seite und öffnete die Tür. Bevor sie sich auf den Sitz fallen lassen konnte, hielt Eric die Tür fest.

 „Aber, aber, meine Liebe“, sagte er ernst. „Das könnte man ja schon fast als Autodiebstahl bezeichnen.“

  Alica grinste, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Eric kurz auf die Nasenspitze. „Fast“, sagte sie. „Und jetzt setz dich auf den anderen Sitz und lass uns fahren. Ich hab Hunger. Außerdem pass ich doch immer gut auf dein Auto auf. ich hab noch keinen Kratzer oder Schlimmeres verursacht.“

  „Ja ja, ich weiß doch“, war Erics einziges Kommentar. Beide ließen sich in ihre Sitze fallen und Alica startete den Motor, parkte aus und fuhr langsam über den Parkplatz. Die beiden winkten noch einigen ihrer Freunde und fuhren dann auf die Hauptstraße. Dort herrschte jetzt viel Verkehr, da alle Schulen nun den Unterreicht beendet hatten und die Schüler auf dem Heimweg waren. Und alle waren in Ferienstimmung.  Auf den Gehsteigen und in den Autos wurde gelacht und gegrinst.

  „Freust du dich schon?“, fragte Eric plötzlich. Alica wusste sofort, wovon er redete. Er wäre sehr gerne mit seiner Freundin in den Urlaub gefahren, aber er konnte nicht, da seine Eltern darauf bestanden, dass er mit ihnen wieder einmal in die Karibik zum Tauchen fuhr. Das ärgerte sie beide, aber Alica hatte so eine Ahnung, dass es vielleicht sogar ganz gut war, mit Sirena alleine in den Urlaub zu fahren.

  „Natürlich“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Und das weißt du doch. Wieso fragst du?“, sagte sie, während sie in die Straße einbog, in der Alica wohnte.

  „Ich weiß nicht“, antwortete Eric nachdenklich. Er hatte seinen Kopf an die Fensterscheibe gelehnt und sah nach draußen, ohne wirklich etwas zu bemerken. „Irgendwie hab ich das Gefühl, das dieser Sommer was Besonderes wird. Und, das wir ihn genießen sollen“, fügte er hinzu.

  „Na ich hoffe doch, dass du Recht hast“, meinte Alica. Sie setzte den Blinker und fuhr in die Einfahrt, die zu ihrem und Sirenas Haus führte. Vor der weißen Garage blieb sie stehen. „Jetzt hast du dein Auto wieder“, sagte sie. Als sie aussteigen wollte, legte ihr Eric eine Hand auf die Hüfte und drehte sie sanft herum. Bevor Alica etwas sagen konnte, berühren seine Lippen die ihren. Sie erwiderte seinen Kuss, drehte sich ganz zu ihm herum und verschränkte ihre Hände in seinem Nacken. Außer Atem lösten die beiden sich ein wenig, sodass sie sich in die Augen sehen konnten.

 „Ich liebe dich“, flüsterte Eric leise und mit rauer Stimme. „Denk an mich, wenn wir uns nicht sehen können.“

 „Ich liebe dich auch“, sagte Alica ebenso leise. „Du weißt, dass ich das werde.“ Sie löste ihre Hände aus seinem Nacken und nahm seine Hände in die ihren. „Und wir telefonieren genauso oft, wie ich mit Susan.“ Sie zuckte die Schultern. „Auch wenn das natürlich kein Ersatz gegen deine Anwesenheit ist.“ Beide grinsten sich an.

 „Das könnte zwar schwierig werden, da ihr sehr oft telefonieren werdet und du wohl auch andere Sachen vorhast, aber wir versuchen es.“ Er schaute zur hinauf zur Haustür. „Du solltest langsam hineingehen. Sonst macht dir Sirena noch die Hölle heiß, weil das Essen kalt geworden ist und du nicht so viel herumknutschen sollst, weil du es ja eh so oft tust.“

 Alica seufzte gespielt resigniert. „Das stimmt wohl. Auch wenn ich sehr viel Lust darauf hätte, noch weiter herumzuknutschen.“

 „Ich weiß“, sagte Eric und grinste. Dann zog er Alicas Tasche vom Rücksitz und gab sie ihr. „Bis bald, Schatz.“

  „Bis bald“, sagte Alica und gab ihm noch einen schnellen Kuss auf den Mund. Dann stieg sie aus dem Auto, warf die Tür hinter sich zu und ging leichtfüßig die paar Steinstufen zur Haustür hinauf.

  Sie zog ihren lila Schlüsselbund aus ihrer Tasche und schloss die weiße Holztür auf. Als sie den Flur betrat, schlug ihr der Geruch von einem von Alicas Lieblingsgerichten – Putengeschnetzeltes mit Reis – entgegen. Alica zog ihre Flip Flops aus, warf sie zur Garderobe und ging in die Küche. Dort stand ihre Tante Sirena und werkelte am Herd herum.

  „Du kannst dich gleich nützlich machen, und den Tisch decken“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

  Alica seufzte. Sie hatte Sirena immer dafür bewundert, alles und jeden zu bemerken, egal, was sie gerade tat. „Danke für die überschwängliche Begrüßung“, erwiderte sie nur und holte Teller und Besteck aus den Schränken neben dem Herd.

  Sirena lächelte. „Hallo, Schatz“, sagte sie. Nun drehte sie sich doch noch um. „Alica, denk dran, Morgen müssen wir packen. Und wir müssen am Sonntag um acht am Flughafen sein, also früh aufstehen.“

  „Jaaah, ich weiß, du hast es mir schon oft genug gesagt. Weißt du, ich hab ein gutes Gedächtnis.“

  Sirena machte ein strenges Gesicht. „Sei nicht immer so frech, Mädchen.“

  Alica lachte. „Ja ja, schon klar.“

 

2. Kapitel

  Der Flug hatte eine Weile gedauert, jetzt saßen Sirena und Alica in einem frisch gemieteten, ziemlich großem, dunkelblauem, Mercedes und fuhren einen Highway von Portland in Richtung Süden aber an die Küste weit vor Salem, nicht in die Stadt. Sie waren erst von Memphis nach Seattle und dann von dort mit einem kleinen Flugzeug nach Portland geflogen. Dort hatten sie das Auto gemietet.

  „Sag mal, wie heißt noch mal der Ort, wo wir wohnen werden?“, fragte Alica. Sie konnte sich diesen Namen einfach nicht merken.

  „Erstens ist es kein Ort, sondern eine kleine Stadt. Okay, eine ziemlich kleine, aber eine Stadt. Und zweitens, hab ich dir das schon hundert Mal gesagt, sie heißt Sechiora. Schreib ’s dir auf, wenn du es dir nicht merken kannst“, riet sie.

  „Hm“, brummte Alica. Sie hatte eine Karte vor sich ausgebreitet und markierte gerade mit einem Kugelschreiber, wo Sechiora war, damit sie es schnell wieder fand, wenn sie die Karte brauchte. Sie betrachtete die Streckte zwischen Portland, das gerade noch drauf war, und der Küste. „Wie lange fahren wir noch?“, fragte sie. Sie waren jetzt eine Stunde im Auto unterwegs und es war gegen drei Uhr Nachmittags. Bevor sie aus Portland aufgebrochen waren, hatten sie noch eine Pizza gegessen und Wasser für die Fahrt gekauft.

  Sirena sah auf die Uhr und dann auf das Navi. Die Karte war nur für den Notfall da oder wenn sie zu Fuß unterwegs waren. „Vielleicht eine halbe Stunde. Wir sind gleich am Meer. Schau nach rechts“, wies sie Alica an. Und tatsächlich. Sie fuhren auf einen kleinen Hügel und um eine Kurve und dann konnten sie das Meer sehen. Ein paar Wölkchen hingen am Himmel und das Wasser war dunkelblau und schäumte gegen die Felsen unter ihnen.

 „Wie schön.“, sagte Alica leise, die das erste Mal das Meer zu Gesicht bekam. Sie sah zu Sirena. Diese hatte einen Ausdruck in ihren Augen, den Alica noch nie gesehen hatte. So … schmerzvoll. „Ja… wie schön es ist.“

  Dann riss sie sich wieder zusammen und sie fuhren schweigend weiter. Mal direkt am Meer, mal etwas weiter davon entfernt. Und fünfunddreißig Minuten später kamen sie in eine nicht sehr große, halbrunde Bucht und blickten auf ein Städtchen mit einem kleinen Hafen und Häusern in allen Größen und ein paar auch in bunten Farben. Am Meer gab es Felsen und Sandstrände, und man konnte von hier oben weit über das hügelige Land blicken.

  Sirena wurde langsamer und fuhr in die Stadt hinein. Sie sahen eine Kirche, ein paar wichtige Gebäude wie Schulen und das Rathaus, sie konnten im Hafen ein paar Schiffe entdecken, einige Cafés und Restaurants und auch einige Läden. Alica beschloss sofort, den Ort zu mögen.

 Die beiden umrundeten die Bucht fast und fuhren dann einen Hügel hinauf, der noch zur Stadt gehörte und auf dem einige Häuser standen. Etwa hundert Meter vom Meer entfernt hielten sie vor einem hübschen, kleinen, gelben Haus mit dunkelbraunem Holz und rotem Dach.

  Sirena lächelte. „Das ist unser Ferienhaus.“ Alica strahlte. „Ist das schön!“ Ein paar weiße Steinstufen führen unter dem Vordach zur Tür hinauf und ein kleiner Garten mit einem Holzzaun umschloss das Haus.

  „Warte, bis du drinnen bist!“, meinte sie nur.

  Die beiden stiegen aus und aus einem Haus etwa fünfzig Meter weiter vorne kam ein Mann etwa Mitte vierzig. Er hatte schon graue Haare und war nicht der Dünnste, aber hässlich war er nicht. Er kam auf die beiden zu und streckte Sirena die Hand hin. „Guten Tag, ich bin Daniel Marcia und Ihr Vermieter. Sie müssen Mrs Dorson sein“, sagte er und schüttelte Sirena die Hand. Dann wandte er sich Alica zu und hielt auch ihr die Hand hin. „Und du Alica. Es freut mich, euch kennen zu lernen.“

  Sirena und Mr Marcia sprachen kurz über das Geschäftliche, dann überreichte er Alica und Sirena je einen Schlüssel, den beide gleich an ihre Schlüsselbunde hängten und verabschiedete sich gleich wieder, er müsse noch zu einem Termin.

  Alica ging sofort auf die dunkle Haustür zu, die in der Mitte ein kleines Fenster besaß und sperrte die Tür auf. „Komm Sirena, wir müssen uns unbedingt gleich das Haus ansehen!“

  Die Angesprochene holte gerade ihre Handtasche und ein paar Jacken aus dem Auto. „Ich bin schon da“, sagte sie. „Also, lass uns reinschauen.“

  Alica öffnete die Tür weit und die beiden traten in den Flur. Die Wände im Flur waren gelb gestrichen, der Boden war dunkel und die Möbel waren aus etwas hellerem Holz. Alicas Tante hing die Jacken an die Garderobe und sie sahen sich um. Am Ende des Flurs gelangte man in das Wohnzimmer, von dem man durch eine Glastür auf die Terrasse kam. Rechts vom Flur lag das Bad mit blauen Bodenfliesen und weißer und hellbrauner Einrichtung. Die Küche lag links und enthielt rote Schränke. Ein Holztisch mit sechs Stühlen stand im Wohnzimmer, das durch einen Durchgang ohne Tür mit der Küche verbunden war. Zwischen Bad und Wohnzimmer ging die Treppe nach oben. Dort gab es drei Schlafzimmer, die man auch als Arbeitszimmer oder Ähnliches benutzen konnte und eine Toilette. Alica wollte unbedingt das Zimmer, das teilweise über der Küche und teilweise über dem Wohnzimmer lag. Es war mit zwei Betten, einem Schreibtisch, einem großen Kleiderschrank und einer Kommode eingerichtet. Sirena gab nach und entschied sich für das Zimmer über Küche und Flur, das zur Straße hin zeigte. Dieses Zimmer enthielt eine ähnliche Einrichtung wie Alicas. Aber auf der Straße fuhren nur sehr wenige Autos, deshalb machte ihr das nichts aus. Das dritte Zimmer ließen sie unberührt. Alicas Zimmer und das Leere verband ein Balkon über der Terrasse.

  Die beiden Frauen waren begeistert von dem Haus. „Es ist wunderschön!“, rief Alica, als sie barfuss im Garten stand und die Aussicht auf das Meer genoss. „Ein wunderbares, schön eingerichtetes Haus, einen Garten mit ein paar Büschen und Bäumen und die Aussicht auf das Meer! Wunderbar!“

  „Und teuer war es auch nicht wirklich“, merkte Sirena schmunzelnd an. Sie freute sich, dass es ihrer Nichte hier gefiel. Und es würde noch besser werden, fügte sie in Gedanken hinzu.  

  Die beiden packten sämtliche Koffer und Taschen aus und erkundeten die beiden Geschosse genau. Dann überlegten sie, was sie nun tun könnten. Sie entschieden, in den Ort zu gehen, sich ihn anzuschauen und vielleicht in einem Café Kuchen zu essen.

  Und Sechiora war wirklich schön. Es war ordentlich und sauber und es gab viele Pflanzen, es fuhren nicht Unmengen an Autos durch die Innenstadt und man konnte wirklich gut spazieren gehen und einfach alles genießen.

  „Komm, lass uns am Meer entlang gehen und die Füße ins Wasser hängen.“, schlug Alica vor, als die beiden an der Uferpromenade entlang gingen.

  Aber Sirena winkte ab. „Das können wir heute Abend machen, okay? Lass uns erst unseren Kuchen essen.“

  Alica war nicht gerade zufrieden, aber sie gab sich geschlagen. Ein paar Stunden würde sie schon aushalten. „Okay, von mir aus.“

  Ihre Tante ignorierte den mürrischen Ton und zeigte auf ein Café, das By Elisa hieß. „Wenn ich mich richtig erinnere, gibt’s dort einen göttlichen Schoko-Bananen-Kuchen. Den musst du probieren.“

  Das Mädchen musterte Sirena eingehend. Seit sie in Oregon waren, hatte diese eine eigenartige Stimmung. Mal war sie still und melancholisch, dann wieder voller Lebensfreude. Sie wirkte so, als würde dieser Ort einige Erinnerungen wach rufen, die lange vergraben waren. Alica würde ihr ein wenig Zeig lassen, aber nicht zu viel. Sie war selbst viel zu neugierig. „Kennst du das Café von früher? Warst du hier öfter? Auch mit meiner Mutter?“, schossen die Fragen nur so aus ihrem Mund, bevor sie sie zurückhalten konnte.

  Aber Sirena war ihr nicht böse. Sie seufzte nur leise. „Ja, das trifft auf alle drei Fragen zu. Auch wenn es schon lange her ist, hier waren wir öfter.“ Sie schüttelte kurz den Kopf, wie, um eine schlechte Erinnerung abzuschütteln und sagte: „Komm, lass uns da rein gehen.“

  Das Café war wirklich schön. Es war in einem alten Fachwerkhaus untergebracht und hatte dunkle Holzeinrichtung, war aber trotzdem gemütlich. Alica und Sirena setzten sich an einen der Tische vor dem Haus mit Blick auf den Hafen und den Strand.

  „Mhm, der Kuchen schmeckt wirklich super.“, meinte Alica.

  Sirena lächelte. „Ich weiß, ich hab ihn früher auch schon geliebt.“

  „Entschuldigung, Mrs“, tönte eine kräftige, männliche Stimme von rechts. Sirena drehte sich zur Seite. „Ja?“

  „Sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragt ein gut aussehender Mann, vielleicht drei Jahre älter als Alicas Tante. „Sie kommen mir sehr bekannt vor, kommen Sie von hier?“

  „Ich weiß nicht, das könnte sein, ich habe früher hier gewohnt“, antwortete Sirena freundlich.

  Alica überlegte. Wenn ihre Tante früher hier gelebt hatte, hatte sie doch sicher Freunde die heute vielleicht immer noch hier lebten. Hoffentlich lerne ich welche davon kennen, dachte sie, das wäre wirklich schön.

  „Oh, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Matt Richards und wohne hier schon seit meiner Kindheit. Und Sie sind?“

  „Sirena Dorson.“ Sie deutete auf Alica. „Das ist meine Nichte Alica. Wir sind hier im Urlaub, ich möchte ihr die Heimat von ihrer Mutter und mir zeigen.“ Alica und Mr Richards schüttelten sich die Hand. Er schien nett zu sein, stellte Alica fest. Er hatte dunkelbraune, kurze Haare und sehr gebräunte Haut. Außerdem war er muskulös. Es wunderte sie ein wenig, dass er nicht mit einer Freundin oder Frau unterwegs war.

  „Schön, sie kennen zu lernen“, sagte sie.

  „Gleichfalls“, antwortete Mr Richards.

  Sirena überlegte. „Matt Richards … ich glaube, mir sagt der Name etwas. Vielleicht kannten wir uns in unserer Jugend.“

  „Ja, das könnte sein.“ Er schrak zusammen. „Tut mir Leid, ich muss wieder weiter, ich habe noch einen Termin. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder?“, sagte er.

  „Wie schade, ich hätte mich gerne noch ein wenig länger mit Ihnen unterhalten. Es wäre schön, wenn wir uns wieder treffen könnten.“ Sie nickte.

  „Gerne, ich wohne gegenüber dem Rathaus in dem roten Haus. Auf Wiedersehen.“, sagte Mr Richards zum Abschied.

  „Auf Wiedersehen“, antworteten Alica und Sirena gleichzeitig.

  „Na, meinst du, er ist vergeben?“, neckte Alica ihre Tante.

  Diese zwinkerte verschwörerisch. „Das finden wir schon noch heraus.“

  Nachdem die beiden aufgegessen hatten, gingen sie ein wenig in den Ort hinein und sahen sich die Läden an. Sie kauften in einem Supermarkt, einer Metzgerei und einer Bäckerei alles ein, was sie für die nächsten Tage brauchen würden. Danach gingen sie in einem Bogen wieder zu dem Hügel zurück, auf dem ihr Häuschen lag. Vom vielen Laufen hatten sie Hunger bekommen und so kochten sie zusammen in der großen Küche Spagetti mit Hackfleischsoße. Alica deckte auf der Terrasse den kleinen, bunten Mosaiktisch und sie setzten sich in die noch immer hoch stehende Sonne und aßen.

  „Wenn wir fertig gegessen haben, muss ich dir unbedingt einen wunderschönen Ort zeigen“, sagte Sirena während des Essens. Das schien ihr sehr wichtig zu sein. „Bevor wir losgehen, sollten wir schon mal unsere Badesachen anziehen.“

  „Super!“, antwortete Alica. „Ich will endlich ins Wasser und schwimmen.“

  „Dazu hast du noch viel Zeit“, versprach Sirena mit einem etwas seltsamen Blick.

 

3. Kapitel

  Sirena stellte das Geschirr in die Geschirrspülmaschine und sie zogen sich um.

  Alica holte ihren neuen weißen Bikini hervor, der ihr hervorragend stand. Er war einfarbig und hatte Strasssteinchen auf dem Bund und unter der Brust. Dazu zog sie noch einen weißen Strandrock und Flip Flops an und nahm ihre pinke Strandtasche mit.

  Ihre Tante zog einen mittelblauen Bikini an, der fabelhaft zu ihrer Augenfarbe passte. Auch sie zog einen Strandrock an, aber in dunkelblau, und ihre Tasche war aus Bast geflochten.

  Als sie Alica ansah, lächelte sie. „Du siehst wunderschön aus“, sagte sie. „Wie deine Mutter. Du siehst ihr so ähnlich.“

  „Dankeschön“, sagte das Mädchen etwas verlegen. „Du siehst aber auch super aus.“

  Beide setzten sich große Sonnenbrillen auf und Sirena merkte an: „Jetzt sehen wir uns wahrscheinlich sehr ähnlich, was?“

  Alica grinste. „Ich glaub da hast du Recht.“

  Sirena führte sie nach unten, in die Nähe des Meeres und auf einen Weg entlang in südliche Richtung. Die beiden gingen durch ein Waldstück und als sie über einen Hügel kamen, öffnete sich vor ihnen eine wundervolle Landschaft. Der Ort, von dem Alicas Tante gesprochen hatte, war eine winzige Bucht. Die Felsen dorthin fielen steil bergab und ein paar Wege schlängelten sich hindurch. Auf den Felsen und unten, am feinen Sandstrand, wuchsen Büsche und Pflanzen. Das Wasser in der Bucht war ruhig, ein wirklich traumhafter Ort.

  „Das war der Lieblingsort von Malissa und mir“, sagte Sirena leise. Alica bemerkte, dass sie schon fast Tränen in den Augen hatte. „Ich habe ihn nie wieder gesehen, seit ich mit dir von hier weggegangen bin.“

  „Es ist wirklich wundervoll hier“, flüsterte Alica. Langsam gingen die beiden nach unten. Sie mussten aufpassen, dass sie nicht über die Steine und Wurzeln vereinzelter Bäume stolperten.

  Als die beiden im Sand standen, ihre Taschen ablegten und die Schuhe und Röcke auszogen, dachte Alica darüber nach, was ihre Mutter hier gemacht hatte. Vielleicht hatte sie sich an einsamen Sommerabenden mit einem Jungen getroffen, vielleicht sogar mit Alicas Vater. Sie drehte sich zu Sirena um, die auf das Meer hinaussah.

  „Du musst mir alles über meine Mutter, nein, über meine Eltern, erzählen. Du musst mir erzählen, wieso du mit mir weg musstest. Du musst mir so vieles erzählen.“

  Sirena lächelte ihre Nichte an. Alica hatte so viel von ihrer Mutter. Bis auf die Gesichtsform und die nachtblauen Augen, die fast schwarz wurden, wenn sie wütend war. Nun, und einige ihrer Charakterzüge. „Was glaubst du, weshalb ich mit dir hierher wollte?“

  Das Mädchen wollte gerade ins Wasser gehen, aber Sirena hielt sie zurück. Die Frau atmete tief ein und wandte sich an das Mädchen. „Warte. Es gibt etwas, das ich dir zeigen muss, etwas, das du mir nicht glauben wirst, aber es ist so. Lass mich es dir zeigen.“

  Alica war verwundert und sah sie verwirrt an. Was meinte sie, bitteschön? Aber sie sah, dass es ihrer Tante wichtig war, also wartete sie.

  Sirena ging ins Wasser, das an dieser Stelle schnell abfiel, also stand sie nach drei Schritten bis zur Hüfte im Wasser. Sie drehte sich zu Alica um und sagte: „Du wirst es mir nicht glauben.“ Dann verwandelte sie sich.

  Alica rief sich später immer wieder in Erinnerung, wie fassungslos sie gewesen war. Ihre Tante sank ein wenig tiefer in die Wellen. Ihr Oberkörper blieb derselbe, aber unterhalb der Hüfte war nichts mehr wie zuvor. Alica schrie auf und wich einen Schritt zurück. Sie konnte es nicht wirklich glauben. Das was sie sah, waren glänzende, blaugrün schimmernde Schuppen. Und sie endeten in einer großen Flosse. Das Mädchen kam sich vor wie in einem Märchen. Und sie musste sich eingestehen, was das bedeutete.

  Sirena war eine Meerjungfrau.

 

4. Kapitel

  Nein, das konnte nicht sein. Alica schob den Gedanken von sich, so unglaubwürdig war er. Dann fuhr sie ihre Tante an: „Sag mal, verarscht du mich, oder was soll das?“

  Sirena reagierte gelassen, sie hatte so eine Reaktion erwartet. „Nein, mein Schatz, das ist kein Scherz“, sagte sie sanft. „Das ist Wirklichkeit.“

  Alica wich zurück. „Nein, nein, so was gibt es nicht! Wir sind doch nicht bei Arielle.“ Ihr liefen die Tränen über die Wangen. „Das kann nicht sein. Nein, nein.“

  Ihre Tante seufzte resigniert. „Wenn du es mir nicht glaubst, dann muss ich es dir wohl selbst zeigen“, sagte sie und griff nach Alicas Hand, die diese ihr abwehrend entgegengestreckt hatte und zog sie zu sich ins Wasser.

  „Was … was soll das!“, rief diese, als sie auf gleicher Höhe zu Sirena stand.

  „Das merkst du gleich“, sagte Sirena ruhig.

  Und tatsächlich. Plötzlich spürte Alica ein Kribbeln in den Beinen, dass sie zu unterdrücken versuchte.

  „Lass es zu“, sagte Sirena bestimmt und nahm ihre Hand.

  Alicas Beine wurden zusammengepresst und das Kribbeln wurde viel stärker. Das Mädchen konnte nicht zusehen. Dann war es plötzlich vorbei und sie fühlte sich irgendwie… leichter im Wasser. Sie öffnete ihre zusammengekniffenen Augen und starrte auf ihre Beine. Oder besser gesagt auf das, was aus ihnen geworden war.

  „Nein“, flüsterte sie.

  Alicas Beine waren keine Beine mehr. Sie waren zusammengewachsen und von Schuppen überzogen. Die Schuppen waren von einem dunklen Rotviolett, das in rosa, blau und rot glänzte. Der… nun ja, Schwanz? wurde nach unten hin ein wenig heller und schmaler. Nach etwa zwei Metern öffnete er sich zu einer großen, breiten Flosse, die nach unten hin wieder zu einem dunklen Violett wurde. Es war wunderschön anzusehen.

  „So etwas gibt es doch nicht“, flüsterte Alica mit erstickter Stimme. Sie hatte sich die Hände vor das Gesicht gepresst.

  Sirena nahm ihre Hände herunter. „Das würde ich an deiner Stelle auch denken, Liebes. Ich bin damit aufgewachsen, aber du nicht. Weißt du noch, als ihr einen Schulausflug an die Golfküste machen wolltet und ich dir nicht erlaubte, mit zu fahren? Bei deiner ersten Berührung mit Salzwasser hättest du dich verwandelt. Was glaubst du, hätten deine Klassenkameraden und Lehrer von dir gedacht?“

  Alica lächelte ein wenig unsicher. „Die hätten sich sicher ganz schön gewundert.“

  „Ich kann verstehen, dass du geschockt und verwundert und verängstigt bist. Du denkst dir wahrscheinlich auch, wenn es Meerjungfrauen und -männer gibt, was gibt es dann noch für Wesen, die man nur aus Märchen und anderen Geschichten kennt. Und das zu Recht. Und wohl auch, weshalb ich dir nie etwas davon erzählt hab. Ich muss dir so vieles erklären, mein Kind, und vieles hättest du früher einfach noch nicht verstanden. Deshalb bin ich mit dir hierher gekommen. Um dir alles zu erklären und zu zeigen. Und zwar wirklich alles, ohne dir etwas zu verschweigen.“

  Das Mädchen atmete tief durch, wie es zuvor Sirena getan hatte. Das war vor wenigen Minuten gewesen, aber für Alica fühlte es sich an, als wäre es in einer anderen Zeit geschehen. Das, was ihre Tante ihr offenbart hatte, war so unglaublich, so unvorstellbar.

  Sirena umarmte sie und Alica erwiderte die Umarmung. Dann nahm Sirena die Hände ihre Nichte. „Komm, lassen wir die ganzen Fragen mal beiseite. Möchtest du schwimmen?“

  Alica lächelte. „Dafür sind wir doch hergekommen, oder?“

  Sirena zog die Augenbrauen hoch. „Pass auf, wir haben unsre Schwänze nicht nur, um einfach nur zu schwimmen.“ Und ohne Vorwarnung drückte sie Alica unter das Wasser. Diese war so verwundert, dass sie gar nicht daran dachte, sich zu wehren. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und eigentlich hätten diese doch brennen müssen, oder? Dann tauchte Sirenas Gesicht vor ihr auf.

  „Du musst atmen“, sagte sie. Ihre Stimme war so klar zu verstehen, als befänden sie sich über der Wasseroberfläche. Alica hatte gar nicht bemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte. Unter Wasser atmen? Das schien unmöglich, aber war es nicht auch unmöglich, dass es Meerjungfrauen gab? Alica atmete langsam aus und wieder ein. Es fühlte sich fast genauso an, als würde sie Luft atmen, nicht Wasser.

  „Wow!“, sagte sie zu Sirena. Diese lächelte. „Es ist toll, nicht wahr? Komm, lass uns ein bisschen schwimmen, ich zeig es dir.“ Die beiden waren ein wenig weiter ins Wasser getrieben. „Du musst deine Arme eigentlich nicht benutzen, du musst nur deine Flosse auf und ab bewegen. Und du musst selber den Dreh rausbekommen, wie du steuerst.“ Sie hielt Alica ihre Hand hin. „Komm.“

  Und Alica nahm ihre Hand und sie schwammen.

  Es war ein wundervolles Erlebnis. Erst hatte sie sich ein wenig gescheut in die Tiefe zu tauchen, aber dann war ihr klar geworden, dass das ihre Natur war, dass das Meer ihre Heimat war. Und das Steuern und Schwimmen war wirklich nicht schwer. Ab da war es kein Problem mehr für sie. Das Meer war so farbenfroh. Es gab unzählige Schattierungen von blau und grün und die Pflanzen und Felsen und der helle Sand am Meeresboden. Wunderschön. Alica konnte sich nicht genug satt sehen. Das brachte sie auf einen Gedanken. „Sag mal, Sirena, wieso kann ich alles sehen? Müsste es hier in 30 Metern Tiefe nicht viel dunkler sein?“

  Die Angesprochene blieb stehen und trieb im Wasser. „Da hast du Recht. Aber mit deiner ersten Verwandlung hast du so einiges in Gang gesetzt. Du kannst jetzt im Dunkeln besser sehen. Und zwar egal ob im Meer oder an Land. Und du weißt immer, wie weit es zur Wasseroberfläche und zum Meeresboden ist, egal, wo du dich gerade befindest.“

  Alica staunte. „Das ist ja ziemlich praktisch. Wie ist das eigentlich mit dem Verwandeln? Muss ich mich jetzt immer verwandeln, wenn ich ins Salzwasser gehe? Geht das auch bei Süßwasser?“

  Sirena lächelte. „Wie du siehst, gibt es einiges, was du noch wissen musst. Nein, mit ein wenig Übung kannst du selbst entscheiden, ob du dich verwandelst oder nicht. Du kannst dich ab jetzt auch im Süßwasser verwandeln. Aber die erste Verwandlung kann nur im Salzwasser geschehen. Frag mich nicht, wieso, ich hab selbst keine Ahnung. Man müsste unsere Forscher fragen, ob sie eine Theorie haben“, überlegte sie nachdenklich.

  „Forscher? Es gibt bei Meermenschen Forscher?“ Alica war erstaunt.

  Ihre Tante lachte. „Oh, wenn du wüsstest, was es bei uns alles gibt! Aber alles der Reihe nach. Du kannst auch üben, wie schnell du dich verwandelst. Das alles kannst du in den nächsten Tagen tun.“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Du musst natürlich auch noch einiges über deinen Körper wissen. Im Meer wird dir nicht ganz so schnell kalt, wie an Land. Und du hast in deinem Fischschwanz keine Gräten, was man annehmen könnte, sondern Knochen, die sehr elastisch sind. Sie können genauso brechen, wie deine Armknochen. Die Schuppen sitzen auf einer Art Haut. Und du hast zwei Hautfalten in deinen Schuppen, ein wenig, wie Hosentaschen.“ Sirena nahm ihre eigene Haut in die Hand und zeigte es ihrer Nichte.

  Alica begutachtete ihren Körper. Diese Taschen waren ziemlich groß, sie konnte ihre Hand bis zum Gelenk problemlos hineinschieben. Sie stellte fest, dass die Schuppen hart waren, aber nicht unangenehm, sondern ein wenig warm und trotz ihrer Härte weich. Das klang vielleicht widersprüchlich, aber anders konnte man es nicht beschreiben. Und sie waren glatt.

  „Was haben Meermenschen für Kleidung?“, fragte sie neugierig.

  Sirena grinste. „Das ist natürlich eine der wichtigsten Fragen, was? Wenn wir an Land oder auf unsren Inseln sind – lass mich ausreden, Alica, alles der Reihe nach – tragen wir natürlich normale Kleidung. Im Wasser entweder Badesachen, das heißt, die Männer oft ohne Oberteil oder andere wasserfeste Kleidung, die wärmer ist, im Winter brauchen auch wir warme Klamotten. Es gibt natürlich auch traditionelle Kleidung, die aus allem gemacht wird, was das Meer so hergibt. Oberteile und Umhänge und Mäntel aus Muscheln, Pflanzen und vielem anderen.“

  So vieles wusste ich nicht. Meine ganze Herkunft war mir immer ein Rätsel. Aber jetzt, wo ich etwas darüber erfahre, ist es so unglaublich. Nein, an so was hätte ich nicht einmal im Traum gedacht, überlegte Alica. Sie schüttelte den Kopf. „Oh, es gibt noch so viel, was ich wissen will!“

  „Ja, das kann ich mir denken.“ Sirena sah nach oben. Alica hatte ganz vergessen, dass sie in 30 Metern tiefe auf der Stelle trieben. Und ihr war wirklich nicht kalt. „Ich glaube, wir sollten wieder zurück schwimmen, langsam wird es hier unten kühler und dunkler.“

  Alica zuckte die Schultern. „Wenn du meinst.“

  „Komm“, rief Sirena. „Wer als Erster oben ist.“, sagte sie und schoss los. Alica schwamm ihr sofort hinterher, und sie hatte ihre Tante beinahe eingeholt, als diese die Wasseroberfläche erreichte und hindurch stieß. Alica tauchte neben ihr auf. Die Sonne war nun viel weiter gesunken und bald würde sie über dem Meer untergehen. Sie stellte fest, dass die beiden etwa 100 Meter vom Strand entfernt waren. „Oh, ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit geschwommen sind.“

  „Das wundert mich nicht“, meinte Sirena. Sie hatte sich zu ihrer Nichte umgewandt und sah diese an. „Und jetzt verwandeln wir uns wieder zurück. Du musst an deine Beine denken, dir vorstellen, wie sie sich anfühlen. Das Gleiche musst du auch tun, wenn du dich im Wasser nicht verwandeln willst. Also: Wenn du dich nicht verwandeln willst oder zurückwandeln willst, an Beine denken. Wenn du dich verwandeln willst, an deine Flosse und die Schuppen und das alles denken. Wenn du es öfter getan hast, geht es schneller und leichter. Sieh her.“ Und schon hatte Sirena wieder ihre Beine. „Hm, es wundert mich, dass ich noch so gut bin, ich hab das schon Jahre nicht mehr gemacht. Und jetzt du.“

  Sie konzentrierte sich und dachte daran, wie es sich anfühlte,  auf zwei Beinen zu stehen, zu gehen, zu laufen. Ihre Beine kribbelten kurz, dann war es vorbei und sie musste mehr mit den Armen und Beinen rudern, um nicht unterzugehen. „Das war gar nicht schwer.“

  „Das freut mich. Komm, schwimmen wir zurück“, sagte Sirena. Die beiden schwammen gemütlich auf den Strand zu. „Weißt du, du kannst schneller schwimmen, auch wenn du nicht verwandelt bist. Deshalb wäre es unfair, an einem Wettkampf teilzunehmen, du würdest höchstwahrscheinlich gewinnen.“

  „Oh stimmt. Aber es wäre schon lustig, die Gesichter der Schwimmprofis zu sehen, wenn man sie meilenweit schlägt“, meinte Alica.

  Sirena lachte. „Das ist eine schöne Vorstellung. Du bist übrigens sehr gut im Schwimmen, wenn man bedenkt, dass du erst seit etwas mehr als einer Stunde von deiner Herkunft weißt. Und ich muss es ja wissen, ich war früher eine der Schnellsten.“

  Alica freute sich. „Danke.“

  Sie waren am Ufer angekommen. Als Alica an Land kam, fröstelte sie. Anscheinend bin ich nur im Wasser weniger empfindlich gegen Kälte, überlegte sie. Die beiden trockneten sich ab und zogen wieder ihre Röcke an.

  „Da fällt mir noch etwas ein.“, sagte Sirena, als sie zwischen den Felsen nach oben gingen. „Es gibt Dinge, an denen du Meermenschen erkennen kannst.“

  „Wirklich?“, fragte Alica mit hochgezogener Augenbraue. „Außer überdimensionalen Fischschwänzen?“

  „Ja.“ Sirena ging nicht darauf ein. „Viele Meermenschen haben dunkle Haare. Meistens braun oder schwarz. So blonde Haare, wie bei uns und Malissa sind sehr selten. Und alle Meermenschen haben helle Augen. Und es sind immer Farben, die man im Wasser finden kann. Blau, grün, grau und manchmal auch helles braun. Aber dunkle Farben findest du nicht. Schon die Augenfarbe von mir und deiner Mutter ist selten, aber so ein dunkles Blau wie deine? Nein, das ist wirklich sehr ungewöhnlich.“

  „Das heißt, ich bin doppelt ungewöhnlich. Meine Haarfarbe und meine Augen.“

  „So könnte man das auch sehen. Nicht mal die Kinder eines Meermenschen und eines Menschen haben so dunkle Augen.“

  „Es gibt Kinder von normalen Menschen und Meermenschen? Bin ich auch so jemand?“

  Sirena wirkte plötzlich sehr müde. „Ja, die gibt es. Aber bitte lass uns das Morgen besprechen. Du solltest eine Nacht darüber schlafen und das alles verarbeiten.“

  Alica nickte, obwohl sie so gerne alles aus ihrer Tante gequetscht hätte. „Wenn es sein muss.“, murrte sie.

  „Wir  haben Morgen noch genügend Zeit, um alles zu bereden“, sagte Sirena, als sie wieder vor ihrem Haus standen. 

 

5. Kapitel

  Alica stand auf barfuss auf weichem Sand, der ihre Füße umfloss und durch ihre Zehen quoll. Um sie herum schwammen kleine Fische und Algen und Seetang wogten in der Strömung um sie herum. „Algen und Seetang?“, fragte sie sich. „Du bist auf dem Meeresboden, mein Kind“, ertönte plötzlich eine Stimme. Sie war tief und volltönend. „Dort, wo du auch hingehörst.“ Dann sah Alica, wer da zu ihr sprach. Es war eine riesige, graue Muräne. Plötzlich vernahm sie ein helles spöttisches Lachen. „Du glaubst doch nicht wirklich, was dein Verstand dir da vorgaukelt? Du bist doch verrückt! Meermenschen gibt es nicht! Das ist doch unmöglich! Das bildest du dir doch ein!“ „Wo bist du?“, fragte Alica verängstigt. Sie drehte sich im Kreis, sah aber niemanden. Die Muräne war davon geschwommen. Es drang eine wütende Stimme von weit her zu ihr. „Meermenschen sind doch abnormal, es dürfte sie nicht geben.“ Alica fühlte sich auf einmal so einsam und verlassen wie noch niemals zuvor in ihrem Leben. Ihr liefen Tränen über die Wangen. „Nein! Das glaube ich nicht! Es gibt viele von uns, wir können nicht abnormal sein!“, rief sie ins Wasser hinaus. „Wer seid ihr? Zeigt euch!“ „Ach, mein Kind.“, erklang eine verständnisvolle Stimme von Alicas rechter Seite. Sie klang wie eine sanfte, alte Frau. „Was würde deine Freunde sagen, wenn sie wüssten, was du bist? Sie würden dich auslachen und verspotten, oder dich für ein Monster halten und sich vor dir fürchten:“ „Nein! Sie würden mich verstehen!“, rief Alica. Sie schluchzte. „Wie könnt ihr so etwas sagen? Ihr habt doch keine Ahnung!“ Aber ein Teil von ihr glaubte den Stimmen. Ein Teil von ihr merkte sich, was ihr vorgeworfen wurde. „Ich bin allein mit dem, was ich bin“, flüsterte sie traurig und resigniert.

 

Mit diesem Gedanken wachte Alica am Morgen auf.

  „Ich kann es ihnen nicht sagen“, flüsterte sie, als sie sich aufsetzte. Eine einzelne Träne lief ihr über das Gesicht. Sie wischte sie schnell weg und verscheuchte diesen Gedanken. Das kann ich mir auch noch überlegen, wenn ich wieder Zuhause bin, und bis dahin ist noch Zeit, erinnerte sie sich.

  Sie zog sich ein pinkes T-Shirt und eine dunkelblaue knielange Jersey-Hose an, dann ging sie barfuss nach unten.

  „Morgen“, sagte Sirena lächelnd, als Alica in der Küche erschien. Sie war gerade dabei, Kaffe zu kochen und den Tisch auf der Terrasse für das Frühstück zu decken.

  „Wie kannst du so früh am Morgen schon so fröhlich sein?“, murrte ihre Nichte.

  „Ich hab keine Ahnung“, erwiderte Sirena gut gelaunt. „Das war schon immer so. So, das Frühstück ist angerichtet.“

  Die beiden gingen nach draußen und setzten sich an den Mosaiktisch. Es war etwa zehn Uhr und Sirena hatte den Tisch so weit nach außen gerückt, dass er von der Sonne beschienen wurde.

 Alica zog fröstelnd ihre Füße nach oben und setzte sich in den Schneidersitz. „Der Boden ist ganz schön kalt.“

  Sirena nickte. „Ja, die Sonne scheint hier noch nicht besonders lange hin.“

  Die beiden aßen und unterhielten sich über die Stadt, das Haus, die Leute hier oder das Wetter. Dann kam Alica auf das zu sprechen, was sie immer noch beschäftigte, das, was sie am gestrigen Tag erfahren hatte. „Sirena, hast du hier noch Freunde? Unter den Menschen? Warst du früher auch mit den Leuten aus Sechiora befreundet?“

  Ihre Tante senkte den Blick und sah auf ihre Hände hinab. Die Gedanken waren schön, aber auch schmerzhaft. „Ja“, sagte sie leise. „Mal und ich waren mit normalen Menschen zusammen. Wir und einige andere Meermenschen hatten sich mit einer der Cliquen der Stadt angefreundet. Manchmal trafen wir und zu Partys und feierten die halbe Nacht durch. Insgesamt waren wir – mit den Leuten, die nicht immer dabei waren – etwa vierzig Jugendliche.“

  Das Mädchen wurde neugierig. „Wie alt wart ihr damals? Und was habt ihr ihnen gesagt, wenn sie gefragt haben, woher ihr kommt? Oder wussten sie etwa, was ihr wart?“, fragte sie, obwohl sie sich das nicht vorstellen konnte.

  „Nein, das wussten sie natürlich nicht. Wir waren etwa zwölf Meermenschen und wir sagten ihnen, wir kämen aus einem kleinen Dorf, ein paar Kilometer entfernt, wir wären ziemlich abgeschottet und unsere Eltern hätten uns verboten, irgendwohin zu gehen. Nun, dieses Detail stimmte sogar. Unsre Eltern waren wirklich nicht begeistert, dass wir an Land gingen und uns mit Gleichaltrigen trafen, deshalb stritten wir auch ziemlich oft und wir setzten uns durch, oder wenn nicht, dann gingen wir trotzdem. Wir erzählten weiter, wir würden Zuhause unterrichtet und Sechiora wäre der einzige Ort, an den wir kommen konnten.“

  Alica grinste. „Sogar ihr habt nicht das gemacht, was eure Eltern wollten. Sag mal, wo seid ihr an Land gekommen?“

  „Das war an einem Ort, noch weiter südlich von hier. Da gibt es einige Hügel und ein Bach fliest dort ins Meer. Dort konnten wir uns ungestört verwandeln. Wir hatten dort Klamotten, Fahrräder, Essen und alles Mögliche deponiert. Ich wette, davon ist heute noch einiges übrig. Die Räder sind wahrscheinlich nicht mal verrostet, da wir sie in eine Art Höhle geschoben haben, die von Felsen und Pflanzen zugewachsen ist.“ Sirena machte eine nachdenkliche Miene. „Das ist vielleicht einen Kilometer entfernt.“

  „Wirklich?“ Alicas Augen leuchteten. „Da müssen wir unbedingt mal hin! Ich will diesen Ort sehen!“

  Sirena lächelte. „Wenn du meinst. Das können wir ja heute Nachmittag machen.“ Sie erinnerte sich an etwas. „Du hast mich gefragt, ob ich heute auch noch Freunde hier habe, ob ich hier noch jemanden kenne. Leider nein. Als wir uns nicht mehr mit den anderen treffen konnten, haben diese sich sicher gewundert, außer denen, die etwas mehr wussten. Wahrscheinlich haben uns einige auch gesucht, aber irgendwann werden sie uns vergessen haben. Sicherlich erinnern sich noch einige an uns, aber sie würden uns vielleicht nicht mehr erkennen, oder sie sind längst weggezogen.“

  Endlich erzählt sie etwas über das, was vorgefallen ist, stellte Alica fest. „Warum konntet ihr euch nicht mehr treffen? Wer wusste mehr und weshalb? Und kennst du diesen Matt Richards, den wir gestern getroffen haben, von früher?“

  Ihre Tante atmete tief ein. „Ich fange mit der letzten Frage an. Das andere ist eine lange Geschichte und bei ihr muss ich von vorne beginnen. Also: Ja, ich denke, ich kenne diesen Matt. Ich glaube, er gehörte zu den Leuten der Clique, die nur manchmal dabei waren.“ Alica setzte zum sprechen an, aber Sirena sprach schnell weiter. „Aber ich habe ihm nicht gesagt, wer ich bin, weil er dann angefangen hätte zu fragen, weshalb wir nicht mehr gekommen sind, aber was hätte ich ihm denn sagen sollen? Nein, es ist besser, er denkt nicht mehr an uns und lebt einfach sein Leben.“

  Alica runzelte die Stirn. „Also, ich bin da nicht deiner Meinung.“

  Sirena seufzte. „Ich sollte dir besser die ganze Geschichte erklären, damit zu verstehst. Aber zuerst räumen wir den Tisch auf, dann holen wir mein Tagebuch und setzen uns auf das Sofa im Wohnzimmer.“

  Ihre Nichte nickte. Sie brannte darauf, alles zu erfahren. Und jetzt endlich würde sie alles wissen.

  Die beiden räumten das Geschirr und das Essen auf und stellten Tisch und Stühle wieder näher zum Haus. Dann ging Sirena nach oben in ihr Zimmer, um das Tagebuch zu holen. Alica setzte sich auf die cremefarbene Couch und wartete.

  „Hier ist es“, riss Sirena sie aus ihren Gedanken. Sie hielt ein Buch mittlerer Größe in der Hand, dass in einer Hülle eingepackt war, die wie aus Perlmut gearbeitet aussah und in allen Farben des Meeres schimmerte. „Dort steht alles drin, was sich ereignet hat.“ Sie setzte sich neben ihre Nichte und holte das Buch heraus. Es war hellblau und hellgrün gemustert und wurde von einem silbernen Schloss verschlossen. Sirena legte die Hülle auf den Tisch und legte das Buch behutsam in ihren Schoß, als wäre es das Kostbarste, das sie besaß. Dann öffnete sie das goldene Amulett, das sie genauso oft trug wie Alica ihre Muschelkette und holte einen kleinen silbernen Schlüssel heraus. „Keine Sorge, dass ist nicht der einzige Schlüssel. Sollte mir einmal etwas passieren, du würdest den zweiten Schlüssel finden, aber ich kann dir nicht erzählen wieso, nur so viel, es hat mit einem Zauber zu tun.“ Alica sah sie verwundert an, merkte aber, das Sirena auf eine Antwort wartete und nickte. „Okay, bist du bereit?“

  „Ich brenne darauf, alles zu erfahren.“

  „Dann hör mir gut zu.“, sagte Sirena mit ernster Stimme und schlug das Buch auf der ersten Seite auf.