Die Gedanken der Toten

Meine allererste FF insgesamt. Und deshalb natürlich auch die Erste, die ich zu Panem geschrieben habe/noch schreibe. Bis jetzt noch nicht sooo viel geschrieben, soll noch mehr werden :) Hoffentlich wird das auch was!

Mr. Everdeen

Ich konnte ihr nicht helfen. Ich bemühte mich so sehr, ich sendete ihr alles, was ich konnte. Gefühle, Gedanken, versuchte sie aufzubauen, redete mit ihr, obwohl sie mich nicht hören konnte. Natürlich nicht, ich war ja tot.

Wir hatten eigentlich alles richtig gemacht, aber in den Mienen konnte man nie wissen. Erst in dem Moment, in dem die Explosion losging, merkten wir, dass etwas falsch war. Aus irgendeinem Grund verhielt sich der Stein über uns anders als sonst. Und dann kam die Decke auf uns herunter. In diesem Moment warfen wir uns letzte Blicke zu; dann wurden wir alle von den Gesteinsmassen begraben.

Als ich aufwachte, wusste ich, dass ich tot war. Ich war tot, aber mein Bewusstsein, meine Seele, war weitergeglitten, aber noch nicht weggeglitten. Ich wusste, dass ich noch Zeit hatte. Zeit, bevor ich weitergehen musste. Zeit, um mich zu verabschieden, obwohl dieser Abschied einseitig sein würde.

Ich litt mit ihnen mit, mit meiner Frau, meinen Töchtern. Wie sie vor dem Aufzug standen und ihnen klar wurde, dass ich nicht zurückkommen würde. Niemals wieder.

Und ich litt weiter mit ihnen mit, als meine geliebte Frau nichts mehr tat. Katniss schrie sie an, Prim weinte, ich schrie sie an, aber nichts half. Katniss fasste sich am schnellsten wieder, sie war schon immer mehr nach mir gekommen und sie versuchte alles, um ihre Mutter und ihre Schwester am Leben zu erhalten.

So gerne hätte ich ihnen geholfen, doch ich konnte nicht mehr zurück. So sehr wünschte ich mir es, dass die Gesteinsmassen uns alle verschont hatten, nicht nur die Arbeiter, die weiter vorne im Schacht gearbeitet hatten.

Aber immer hatte ich Hoffnungen, immer glaubte ich an sie. Ich war mir sicher, dass sie es schaffen würden. Ich betete für sie, ich betete für Katniss, dass sie endlich in den rettenden Wald ging, ich betete für meine Frau, dass sie endlich aus ihrer Erstarrung kam.

Wenigstens bei Katniss wurde ich erhört. Ich war diesem Bäckerjungen so dankbar, dass er ihr die Brote gab, und wenn ich noch am Leben wäre, würde ich ihn umarmen und ihm so überschwänglich wie noch nie danken.

Jetzt hatten sie wieder ein Stück Hoffnung. Und als Katniss in den Wald ging und jagte und sich an all das erinnerte, dass ich sie gelehrt hatte, da wusste ich, dass sie es schaffen würden.

Sie würden überleben, denn sie waren stark. Und Katniss war die Stärksten von ihnen und sie würde nie zulassen, dass sie verhungerten, dass es ihnen schlechter ging.

Und ich war so stolz auf sie.

Und endlich konnte ich in Ruhe und der Gewissheit, dass es ihnen gut ging, weiterziehen.

 

Treesa

Wahrscheinlich war ich wirklich dumm gewesen. Da hatte ich es geschafft, ohne Verletzungen und mit ein paar nicht vollkommen sinnlosen Sachen vom Füllhorn wegzukommen und dann zündete ich ein Feuer an, dass die Karrieros zu mir lockte. Aber es war so eisig kalt gewesen und ich hatte keine Decke oder etwas anderes, das mich wärmen konnte. Und ich wollte nicht gleich am ersten Tag an Erfrierung sterben. Ich hatte mich mit dem Gedanken beruhigt, dass die Arena so groß war, dass sicher kein anderer Tribut in meiner Nähe war.

Wenn ich nur gewusst hätte…

Ich erschrak so sehr, als die Karrieros zwischen den Bäumen hervorgeschossen kamen und mich aus dem Schlaf rissen. Ich hatte noch nie so sehr Angst gehabt. Ich wusste, dass ich sterben würde, wollte es aber nicht wahr haben. Der Junge aus Distrikt 2 zögerte nicht lang und stieß mir ein Messer in die Brust. Ich spürte, wie ich zur Seite glitt und auf dem Boden aufkam, aber ich war noch nicht tot.

Vor meinen Augen tanzten schwarze und rote Punkte und sie waren fast geschlossen. Die Karrieros durchsuchten meine Sachen, fanden aber anscheinend nichts, dass sie zufrieden stellte. Dann musste ich kurz das Bewusstsein verloren haben, denn ich kam wieder zu mir und hörte Schritte hinter mir, sah aber niemanden mehr.

Dann hörte ich Stimmen. Sie wunderten sich, wieso die Kanone noch nicht abgefeuert wurde. Kurz darauf spürte ich, wie jemand auf mich zukam. Ich bekam es wieder mit der Angst zu tun, obwohl ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich spürte, wie mein Leben aus meiner Brust herauslief und ich mit jeder Sekunde schwächer wurde.

Dann kniete ein blonder Junge neben mir. Er war aber weder aus 1 oder 2 noch aus 4. War das etwa der aus 12? Wie ungewöhnlich. Ich hatte ihn vorhin nicht bemerkt –

Meine Gedanken wurden abgeschnitten, als er mir ein Messer in die Brust rammte, und alles wurde dunkel um mich.

Ich kam wieder zu mir, aber ich wusste, dass es diesmal anders war. Ich fühlte mich leicht und warm und geborgen. Woher, das wusste ich nicht, aber ich wusste genau, wieso ich immer noch im Wald war. Ich hatte Zeit, um dorthin zu gehen, wohin ich wollte, an jeden Ort, zu jeder Person, von der ich mich verabschieden wollte.

Ich sah, wie das Mädchen aus 12, Katniss, von einem Baum ganz in der Nähe springt. Sie war dort wohl schon die ganze Zeit gewesen. Wenn die Karrieros aufmerksamer gewesen wären und sie entdeckt hätten, da wäre ich nicht die Einzige, die durch meine Dummheit gestorben wäre.

Ich wollte nicht mehr in der Arena sein. An dem Ort, der mich das Leben gekostet hat. Ich wollte nach Hause.

Und plötzlich war ich genau dort. Ich stand im kleinen Wohnraum unseres Hauses in Distrikt 8. Meine Mutter war auf der zerfledderten dunkelgrünen Couch zusammengebrochen und mein Vater hielt sie fest im Arm. Mein kleiner Bruder wurde fast zwischen den beiden zerdrückt, so fest hielten sie ihn. Sie alle hatten Tränen in den Augen und Mutters Wangen waren ganz nass geweint und mein Bruder starrte fassungslos in den Fernseher.

In dem Moment öffnete sich die schon etwas schief hängende Tür des Zimmers und ein ganzer Pulk Menschen kam hereingestürmt.

Es waren die Dooleys, unsere Nachbarn und ein paar andere Freunde von uns. Die meisten weinten auch oder hatten starre Gesichter und sie umarmten meine Familie und Carrie, eine alte Frau, die früher immer auf mich aufgepasst hatte, machte einen Tee und verteilte ihn an die anderen.

Sie taten mir alle so leid. Sie waren wegen mir so traurig. Weil ich nicht mehr lebte. Weil ich in den grausamen Hungerspielen gestorben war. Ich wollte ihnen so gerne sagen, dass es meine Schuld war, dass sie nicht so sehr trauern mussten. Ich war tot, aber die Welt ging weiter. Sie konnten nichts mehr für mich tun, oder dafür, dass alles ungeschehen wurde. Doch ich konnte nicht mit ihnen reden.

Aber ich konnte trotzdem versuchen, ihnen ihre Traurigkeit zu nehmen.

Da kam meine beste Freundin herein. Oh, Mira. Ihre Augen waren ganz verquollen, sie zitterte und ihr liefen immer noch Tränen über das Gesicht. Meine Mutter bahnte sich einen Weg durch die Menge und umarmte sie fest.

Sie weinten Arm in Arm, bis Carrie zu ihnen ging, sie sanft auseinanderzog und beiden eine dampfende Tasse in die Hand drückte.

„Sie kommt nicht wieder, dass wisst ihr. Aber sie war ein guter Mensch und daran müssen wir denken. Treesa wird uns in Erinnerung bleiben und das Leben wird weitergehen“, sagte sie mit fester Stimme und so laut, dass alle sie hören konnten.

In diesem Moment wollte ich auch weinen. Und ich wollte Carrie umarmen und ihr danken, dass sie sich so um die anderen kümmerte.

Und ich konnte sie umarmen. Auch wenn sie es nicht spüren würde. Also ging oder schwebte oder was auch immer ich zu ihr rüber und umarmte sie. Ich konnte sie spüren, weil ich das wollte. Und ich sagte ihr Danke, weil sie immer so lieb zu allen war, egal zu wem, und weil sie sich immer um mich gekümmert hatte.

Dann ging ich zu Mira und umarmte sie und sagte ihr, dass sie immer wie eine Schwester für mich gewesen war und das immer sein würde und wie viel sie mir bedeutete.

Ich ging zu jedem, der im Raum war und zu jedem anderen in Distrikt 8, der mir etwas bedeutete und dem ich vielleicht auch etwas bedeutete. Viele von ihnen saßen erstarrt oder den Tränen nahe vor dem Fernseher und allen sprach ich Hoffnung zu.

Als der Morgen graute und ich mich erschöpft fühlte, was eher daran lag, dass es mir so wehtat, sie alle so zu sehen, als daran, dass ich körperlich erschöpft und müde war, wusste ich, dass es an der Zeit war, weiterzugehen.

Und ich wünschte mich an den Strand in Distrikt 4, um ein einziges Mal das Meer zu sehen. Leider nicht mehr in meinem Leben, aber immerhin. Ich betrachtete den wunderschönen Sonnenaufgang und sog die Farben und alle anderen der zahlreichen Sinneseindrücke in mich hinein und als die Sonne vollends über den Horizont gestiegen war, da konnte ich mit ihr aufsteigen und für immer aus Panem gehen.

Jetzt war ich nur noch in den Herzen der Menschen die mich liebten.

 

Maril

Sie schrie und schrie und schrie. Ich konnte nicht mehr schreien. Alles war aus mir gewichen, alles wich aus mir. Die Hoffnung, Distrikt 13 zu erreichen. Das Blut, das in Strömen aus meiner Wunde rann. Mein Bewusstsein, das langsam schwand.

Doch es gab einige Dinge, die ich noch bemerkte. Wir waren im Hovercraft, das uns gefunden hatte. Und das wohl meinen Tod bedeuten würde.

Ich wollte nicht, dass es so mit mir zu Ende ging, aber was sollte ich denn tun? Ich konnte nichts tun.

Ich habe schon so viel getan. Das hatten wir beide. Ich hoffte nur, dass sie Lavinia nicht töteten. Ich wusste, dass ich verloren war, aber wenigstens für sie hatte ich noch Hoffnung.

Mein Blick klärte sich wieder und ich sah ihr in die Augen. Sie waren blau, strahlend blau. Die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte.

Jetzt schrie sie nicht mehr, jetzt weinte sie. Die Tränen liefen ihr in Strömen aus den Wangen, so wie das Blut aus mir heraus rann und verzerrten ihr Gesicht. Ihr wunderschönes Gesicht. Ich hatte mich schon immer darin verlieren können. In den hohen Wangenknochen, den sanft geschwungenen, etwas ungleichen Lippen, der ganz leicht schiefen Nase, den wundervoll dunkelroten Haaren. Der Kapitolvorstellung nach war sie vielleicht nicht perfekt, aber für mich war sie es.

Anscheinend waren wir gerade eben erst ins Hovercraft gebracht worden. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie das geschehen war. Ich erinnerte mich nur noch an die Schmerzen. Die schrecklichen Schmerzen.

Auch jetzt spürte ich sie noch, doch ich drängte sie zur Seite. Nur noch kurz, bat ich meinen Körper. Du musst nur noch ein paar Minuten durchhalten. Bitte.

„Lavinia“, sagte ich. Ich erschrak, wie heiser und leise und erstickt meine Stimme war.

Sie sah mir fest in die Augen. „Du darfst nicht –“, ihr versagte die Stimme.

Ich versuchte den Kopf zu schütteln, aber sofort übermannte mich ein schrecklicher Schwindel, der nicht mehr weichen wollte.

„Du siehst doch. Das werde ich nicht überleben. Die Kapitolleute werden mich ganz sicher nicht heilen, das weißt du.“

Ihr schossen wieder Tränen in die Augen. „Aber sie müssen! Sie dürfen dich nicht sterben lassen! Das lasse ich nicht zu!“

Ich wollte ihre Hand fassen, konnte sie aber nicht greifen, ich hatte kein Gefühl mehr in meiner Hand. Sie erkannte jedoch meine Absicht und nahm meine Hand zwischen ihre feinen Hände, die von der Flucht zerkratzt und dreckig waren.

„Lavinia“, ich schaffte es wieder, ihr in die Augen zu blicken. „Du wirst sicher wieder ins Kapitol gebracht. Lass dich nicht unterkriegen, verrate ihnen nicht, was wir wissen! Ich bin mir sicher, du kannst irgendwas tun. Sorg dafür, dass irgendjemand erfährt, was passiert ist! Bitte.“ Ich schluckte schwer. Ich fühlte mich müde. Meine Hand und mein Kopf wurden schlaff und ich sank komplett auf den kalten Boden. „Ich liebe dich, Lavinia. Für immer.“

Sie sah mir in die Augen. Dann küsste sie meine Hand. Ich spürte die Berührung nicht einmal mehr. „Ich dich auch, Maril. Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Jetzt kamen plötzlich Friedenswächter angerannt und umstellten uns. Mich wunderte, dass sie noch nicht früher gekommen waren. Aber mir fiel auch ein Grund dazu ein. Vielleicht hatten sie gehofft, wir würden ihnen so etwas Wichtiges verraten. Aber da hatten sie sich geschnitten.

Zwei von ihnen packten Lavinia und zerrten sie von mir weg. Meine Augen waren immer noch auf ihr Gesicht gerichtet. Ich konnte sie auch gar nicht mehr irgendwo anders hinwenden. Sie waren wie festgefroren.

Das letzte, was ich als sterblicher Mensch von der Welt sah, war ein schwarz-weißer Vogel, der draußen vor dem Fenster des Hovercrafts vorbeiflog. Ein Spotttölpel. Dann entwich mir der letzte Rest Leben und es wurde dunkel um mich.

Doch das blieb nicht lange so. Denn auf einmal war ich wieder da. Im Hovercraft. Ich fühlte mich gut und normal. Nicht so müde und gehetzt und hungernd und abgerissen wie auf der langen Flucht aus dem Kapitol.

Aber trotzdem. Ich war nicht normal. Ich war tot.

Mein Körper war nicht mehr hier, aber auf dem Boden war eine große Blutlache, die wohl von mir stammen musste. Aber wo war Lavinia?

Plötzlich hatte ich eine Erkenntnis. Es war so, als hätte plötzlich jemand eine Lampe in meinem Kopf eingeschalten. Ich wusste sofort, was los war, was ich tun konnte und was nicht und dass ich bald weiterziehen würde.

Aber noch war ich hier. Und ich wollte wissen, was mit Lavinia geschah. Also folgte ich dem Gang.

Ich glitt durch die Wand in das erste Zimmer, das ich fand und dort lag sie. Meine Lavinia. Auf dem Boden zusammengerollt. Bewusstlos. Ihre Lippen waren aufgeplatzt und sie hatte blaue Flecken im Gesicht.

Was hatten sie ihr angetan?

Dann hörte ich von draußen Stimmen. Ich glitt zurück auf den Gang und beobachtete die Personen, die dort vor der Tür eines weiteren Raumes standen.

Einer der Friedenswächter sagte: „Ich habe nichts aus ihr herausbekommen, egal was ich getan habe. Ich glaube, sie wird uns nichts mehr erzählen.“

Ein Mann, der zwar kein Friedenswächter war, aber anscheinend auch einen wichtigen Posten hatte antwortete: „Vielleicht hätten wir doch den Jungen überleben lassen sollen. Aber egal, ich glaube nicht, dass die beiden irgendeiner Rebellion angehört haben, sonst wären sie nicht Ewigkeiten durch die Gegend geirrt. Ich frage mich aber, woher sie das mit Distrikt 13 wissen. Das weiß ja so gut wie keiner.“

Wenn mein Körper noch vorhanden gewesen wäre, wäre mir vermutlich der Mund offen stehen geblieben. Wir hatten Recht gehabt. Es gab Distrikt 13! Aber diese Erkenntnis konnte ich nun niemandem mehr erzählen.

Der Friedenswächter sprach wieder. „Das verstehe ich auch nicht. Aber was machen wir jetzt mit dem Mädchen.“

Der Andere überlegte eine Weile und sagte dann: „Sie ist eine Verräterin, also machen wir sie zu einem Avox, würde ich sagen.“

Nein. Nein. Nein! Das konnten sie nicht tun! Aber sie würden es. Natürlich. Es war schließlich das Kapitol. Und dem Kapitol war ein einzelnes Menschenleben egal. Ich fragte mich, was für Menschen das waren, die so gefühllos über das weitere Schicksal eines Menschen reden konnten. Ihnen war es vollkommen egal, dass ich tot war und Lavinia ein Avox werden würde.

„Und wann?“ Die Stimme des Friedenswächters riss mich aus meinen Gedanken.

„Morgen“, antwortete der andere Mann. „Ich brauch erstmal noch eine Mütze Schlaf.“

Obwohl ich eigentlich keinen Körper mehr hatte, überlief es mich eiskalt. Wie sie da redeten, dass war einfach nur ungeheuerlich.

Ich konnte mir das nicht länger ansehen, deswegen glitt ich wieder zurück in den kleinen Raum zu Lavinia. Der Raum war kahl, nur ein Tisch und zwei Stühle, sonst nichts. Alles weiß und grau und farblos.

Ich ging nah an sie heran und betrachtete sie. Rief mir alles in Erinnerung, was wir gemacht hatten, als wir noch im Kapitol waren, was auf unserer Flucht geschehen war. Wie wir uns kennen gelernt hatten, wie wir uns ineinander verliebt hatten.

Es war eine schöne und eine schreckliche Zeit.

Ich blieb bei ihr und wartete und wartete. Irgendwann wachte sie auf, setzte sich auf, zog die Knie an die Brust und schlief kurz darauf wieder ein. Ja, den Schlaf hatte sie nötig, auf der Flucht hatten wir davon nicht so viel abbekommen.

Und ich betrachtete sie weiter.

Dann hörte ich wieder Schritte auf dem Gang. Der Raum hatte kein Fenster, ich konnte also nicht sehen, wie spät es war aber war es jetzt etwa schon der nächste Tag? War schon so viel Zeit vergangen? Oh Gott, nein! Sie durften ihr nichts antun! Bitte, lasst es noch nicht der nächste Tag sein, bitte!

Aber meine Bitte wurde nicht erhört. Die Tür wurde aufgestoßen und zwei Männer kamen herein. Es waren der Mann von gestern und ein anderer, der wie ein Arzt aussah.

Lavinia fuhr hoch. Als sie die Männer bemerkte, presste sie die Lippen aufeinander und rutschte in die Ecke.

Diese schlossen die Tür wieder und sahen sie abwartend an. Der gefühlskalte Mann von gestern meldete sich zu Wort. „Willst du uns jetzt vielleicht etwas erzählen?“

Lavinia schüttelte vehement den Kopf.

Der Mann nickte. Ihm war schon vorher klar geworden, dass er nichts aus ihr herausbringen würde. „Gut. Wenn du uns nichts erzählen willst, dann sorgen wir dafür, dass du auch niemandem anderen je wieder etwas erzählen kannst.“

Ich konnte ihr ansehen, wie die Erkenntnis erst langsam in ihr Gestalt annahm. Dann weiteten sich ihre Augen und sie schrie. „NEIN!“

Aber die Männer störte das nicht, sie gingen zu ihr, packten sie an den Armen und schleiften sie aus dem Raum. Lavinia kreischte weiter, aber das beeindruckte die beiden nicht. Auch ich schrie, aber niemand konnte mich hören. Ich konnte gar nichts tun. Ich musste ihnen hinterherlaufen und konnte nichts dagegen machen.

Sie schleppten sie in einen Raum, in dem es wie in einem Krankenhaus eingerichtet war. Oder eher einem Folterkeller der Moderne. Lavinia wurde auf einen Tisch geworfen und ihre Arme und Beine darangefesselt. Sie schrie und schlug um sich, aber bald ging ihr die Kraft aus und sie fing an zu weinen.

Ich hatte es schon immer gehasst, sie weinen zu sehen und hatte mich hilflos gefühlt. Jetzt auch, aber diesmal konnte ich wirklich nichts tun. Ich stand neben ihr, strich ihr über die Haare, flüsterte ihr beruhigende Worte zu und tat einfach alles, was in meiner Macht stand.

Die ganze Prozedur dauerte eine Ewigkeit und natürlich wurde Lavinia nicht betäubt oder ähnliches. Nein, es sollte ja eine Folter sein.

Sie fiel in Ohnmacht. Aber das konnte ich ihr nicht verdenken, so viel wie sie im Moment durchleiden musste. Für mich war alles vorbei, aber für sie immer noch nicht.

Später, als alles vorbei war, wurde sie wieder in den kleinen Raum gebracht.

Ich konnte wirklich nichts mehr für sie tun, aber ich wollte sie noch einmal wach sehen. Ein einziges Mal, bevor ich endgültig weiterziehen würde und sie ihrem Schicksal überlassen würde. Denn ich konnte ihr nicht helfen und sie zu beobachten würde auch mich noch mehr leiden lassen.

Das klang vielleicht egoistisch, aber ich konnte einfach nicht mehr. Wir hatten so viel gesehen, wir waren eine der wenigen gewesen, die durch die rosa Zuckerwatte des Kapitols geblickt haben und was hatten wir dafür bekommen? Angst, eine schreckliche Flucht, Hunger, eine Jagd bis an den Rand der Erschöpfung. Auf jeden Fall nichts Gutes.

Ja, das hatten wir bekommen dafür, dass wir klug genug waren, dass Kapitol zu durchschauen, dass wir den Mut hatten, etwas tun zu wollen, dass wir an etwas geglaubt hatten, dass gegen die Ungerechtigkeit kämpfen könnte. Dass wir an eine Rebellion geglaubt hatten. Würde es eine Rebellion je geben? Ich hoffte es so sehr.

Lavinia wachte auf. Sie sah wirklich schrecklich aus und doch war sie für mich immer noch das schönste Wesen auf der ganzen Welt. Sie hatte schon sehr lange nichts mehr gegessen. Aber das Kapitol wird sie niemals verhungern lassen, dachte ich bitter. Oh nein, sie würden nicht zulassen, dass sie jetzt starb. Sie sollte noch ein bisschen mehr leiden.

Ich sah in diese wundervollen blauen Augen, die mich schon vom ersten Anblick an fasziniert hatten. Ich beugte mich vor und küsste sie einen letzten, für sie nicht spürbaren, Kuss auf die Stirn. Für einen Moment schien es so, als liefe ihr ein Schauer über den Rücken, aber ich war mir nicht sicher.

Und mit dem Gedanken, nichts mehr für sie tun zu können, aber alles für sie zu hoffen und zu hoffen, dass sie an meine letzten Worte dachte, machte ich mich auf eine weite Reise ins Ungewisse auf und verlies endgültig dieses Leben.